26.04.2012

Glockenläuten als Therapie

Vor zehn Jahren tötete ein Amokläufer am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen

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Gedenktafel am Erfurter Gutenberg-Gymnasium

»Es war wie jeden Tag. Er hat ganz normal Tschüss gesagt ... Er ist sonst auch so in die Schule gegangen ...« berichtete Roberts Mutter bei ihrer Vernehmung durch die Kriminalpolizei.

Diesmal ging Robert Steinhäuser, der schon vor einiger Zeit wegen zu schlechter Leistungen vom Gymnasium relegiert worden war, bewaffnet seinen Weg. In der Schule wurden gerade Abiturarbeiten geschrieben. Er jedoch war gefeuert, nicht zugelassen, weil überfordert. Er hätte die Aufgaben ohnehin nicht bewältigt.

Robert fühlte sich zum Rächer berufen, wurde zur Killermaschine. Mutmaßlich eingestimmt durch das einstündige Morgentraining mit seinem virtuellen Lieblings-Ego-Shooter-Spiel »Quake«, startete er zum Feldzug. Warum?

Die 17. Kerze ist umstritten

Die Psychologen vom Bundeskriminalamt und von der Thüringer Polizei sagen, er habe sich zu einer Persönlichkeit entwickelt, die in vielen Bereichen keine oder zu wenig Kompetenzen erworben hat. Er lernte zu wenig, Probleme ausreichend wahrzunehmen, sie zu benennen und andere für deren Lösung um Unterstützung zu bitten, geschweige denn, diese Probleme aus eigener Kraft zu bewältigen. Er litt unwissend unter einer verzerrten Wahrnehmung, spürte aber sehr wohl den tiefen Graben zwischen Erwartungen und Möglichkeiten, war dennoch antriebsschwach und nicht bereit, Kritik anzunehmen. Sein Versagen lastete er anderen an, zog sich weiter in die virtuelle Welt der Computerspiele und Videos zurück.

Was ist so Besonderes daran? Wer kennt solche Leute nicht?! Doch bei Robert kam noch etwas anderes hinzu. Er nutzte die Möglichkeiten über einen Schießsportverein, sich legal zu bewaffnen. Gerade so wie diese tollen Typen in seiner Spielewelt wollte er mit der 9-Millimeter-Glock-Pistole und der schrotgeladenen Pumpgun unbesiegbar sein.

Was folgte, ist auch im Detail so oft beschrieben worden, dass der Schrecken zu simplen amtsdeutschen Formeln verblasste. »Veranstaltung am 26. 04. von 8 - 14 h« steht unter den rings um die Schule aufgestellten Halteverbotsschildern. In dem top-renovierten Gebäude - man hat sogar an Drahtspitzen auf Simsen zur Taubenabwehr gedacht - findet sich rechts neben dem Eingang »Die Information zum Gedenktag: 7.30 Uhr bis 10.45 Uhr: Unterricht nach Plan.« Danach: »Musik über Lautsprecher.« Alle Schüler sollen dann zur Gedenkkundgebung gehen, sich vor der Tafel mit den Namen der Ermordeten im Klassenverband aufstellen. »10.55 Uhr bis 11 Uhr: Erfurter Glocken läuten. 11.00 Uhr: Programmbeginn.«

Fünf Minuten akustische Therapie für Lehrer, Schüler, für die Einwohner der Stadt. Und für die ratlose Politik, die insgeheim weiß, dass es wieder knallen kann. Und wieder wird man sich nicht die Namen der Opfer merken, sondern den des Täters. In Erfurt weiß fast jeder, wer Robert Steinhäuser ist.

Am Abend, das steht nicht auf dem offiziellen Schulprogramm, ist zu einer ökumenischen Andacht in die evangelische Andreaskirche eingeladen. Pastorin Ruth-Elisabeth Schlemmer hatte hier im April 2002 den verstörten Zeugen der Bluttat Zuflucht geboten. Seit jenen Stunden erinnern in der Kirche brennende Kerzen an das Attentat. 17 sind es. Um die 17. Kerze gibt es immer wieder Debatten. Für viele ist sie eine Provokation. Doch die Pastorin hält den Protest aus. Für sie bleibt der Täter ein Mensch und noch immer ist zu fragen, wer und was ihn so allein in die Verzweiflung rennen ließ.

Vor zwei Jahren haben die letzten Schülerinnen und Schüler, die das Massaker miterlebten, das Gymnasium verlassen. Die 543 Kinder und Jugendlichen, die nun in der Gutenberg-Schule lernen, werden von 56 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. 15 von ihnen, darunter die Schulleiterin Christiane Alt, arbeiteten bereits damals in dem Gebäude, das von fern auf seinem Hügel so stark und mächtig wirkt. Man hat Schülern wie Lehrern damals psychologischen Beistand gewährt, einige brauchen ihn noch immer. Offiziell aber läuft die Erinnerung an den 26. April 2002 kontrolliert-planmäßig. Vor dem Gebäude treiben Gärtner den Winter aus den Beeten, ein Mann fegt mit einem knatternden Motorbesen die Straße.

Lehren aus dem Massaker

Im Schulalltag spielt der Amoklauf keine Rolle. Gestern gab es einen Kuchenbasar, am Bildschirm über dem Anschlagbrett, auf dem zum Wettbewerb gegen Rechtsextremismus aufgerufen wird, findet man den aktuellen Vertretungsplan. Links neben dem Eingang ist das Hausmeisterbüro. An die Tür auf der rechten Seite ist ein Schild gepappt: »Mediation. Streit? Schlichtung!«

In all der Banalität aktueller Äußerungen spiegelt sich politische Hilflosigkeit. »Staat und Gesellschaft stehen in der Pflicht, alles zu tun, um solche Gewalttaten zu verhindern«, sagt Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU). Ist das zu überbieten? SPD-Fraktionschef Uwe Höhn: »Niemanden zurücklassen und keinen Schüler verloren geben ...« Das klingt wie ein Zitat vom pädagogischen Kongress zu DDR-Zeiten.

Es wird viel geredet über zu viel Stress an Schulen. Während einige Experten brutale Computerspiele auf den Index setzen wollen, weil sie Aggressionen fördern, sagen andere, die Ballerspiele seien wichtig zum Aggressionsabbau.

Die psychologische Betreuung bedarf der Menschen vor Ort. In Thüringer Freistaat wurde die Anzahl der Schulpsychologen erst im Vorjahr von 17 auf 32 erhöht. Doch was können 32 Psychologen schon ausrichten? Zumal die dringend notwendige Ausgestaltung der Schulsozialarbeit vor aktuellen Haushaltslöchern verharrt.

Freilich ist das kein Thema vor dem Gedenktag. Da sagt Bildungsminister Christoph Matschie von der SPD in jedes aufgestellte Mikrofon, dass man das Blutbad als Mahnung verstehen müsse. Damit die Phrase nicht gar zu hohl klingt, verweist der Vizeregierungschef auf Konsequenzen, die man aus dem grausigen Geschehen gezogen habe. So gibt es jetzt Notfallpläne an Schulen. Bundesweit. Die Einsatztaktik der Polizei sei verfeinert worden. Auch die der Rettungsdienste hat man angepasst. Obenan aber steht Prophylaxe. Wichtig ist, dass es an Thüringer Gymnasien jetzt eine Art Abschlussprüfung nach der 10. Klasse gibt, damit auch die, die den letzten Anstieg bis zum Abitur nicht schaffen, eine Perspektive haben - anders als der Amokläufer Steinhäuser.

Wenn Schüler nicht ins Raster passen

Kaum mehr hat sich entwickelt aus dem Willen nach echten Reformen, den Schüler, Lehrer und Eltern in den Wochen nach der Bluttat auf die Straße getragen haben. Nach wie vor sei man zu schnell dabei, Schüler, die nicht ins Raster passen, abzuschieben, statt zu schauen, was man an der eigenen Schule so verändern kann, dass jeder Schüler an sein Leistungsoptimum gebracht wird, sagt Michaele Sojka, Bildungsexpertin in der Linksfraktion im Erfurter Landtag, und macht dabei unterschwellig auch auf Versäumnisse in der Lehreraus- und -weiterbildung aufmerksam.

Ihre Kollegin, die Innenexpertin Martina Renner, attestiert durchaus, dass das nach dem Erfurter Massaker verschärfte Waffenrecht einige Besserungen gebracht hat. Doch die nächste blutige Lücke in der staatlich kontrollierten Waffenhaltung trat 2009 bei einem Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden zutage. In Thüringen nimmt die Anzahl von legal erworbenen Waffen zu - trotz schrumpfender Bevölkerung. Insgesamt 31 150 Thüringer besaßen im vergangenen Jahr laut Innenministerium 127 050 Gewehre, Pistolen oder Revolver. Damit verfügte jeder, dem ein Waffenbesitzschein ausgestellt worden ist, im Durchschnitt über vier Waffen. Das Bedürfnis nach Waffen spiegelt sich auch beim sogenannten kleinen Waffenschein wider. 3788 Thüringer haben sich mit diversen Schreckschuss-, Reizstoff- oder mit Signalwaffen ausgerüstet. Warum? Es gibt Erklärungen, die simpel mit dem Wort Angst umschrieben sind. Zu simpel? Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) jedenfalls gehört zu jenen, die eine Rechtfertigung für die häusliche Aufbewahrung von Waffen nicht sehen.

Der einstige Vorsitzende des Fördervereins am Gutenberg-Gymnasium, Prof. Harald Dörig, verweist darauf, dass auch der norwegische Massenmörder Anders Breivik als Sportschütze legal an Schusswaffen gelangte. Das Auffliegen rechtsextremistischer Terroristen, die in Thüringen den Gleichschritt mit anderen Neonazis lernten, hat die Debatte um behördensanktionierten Waffenbesitz weiter verschärft.

Ist »die Gesellschaft« zehn Jahre nach dem Amoklauf sensibler geworden, wenn es um extreme Jugendgewalt und deren Ursachen geht? Man will es hoffen - und auch, dass jemand das unmittelbar vor dem Gutenberg-Gymnasium aufgehängte SPD-Wahlkampfplakat entfernt hat. »Stolz auf Erfurt« steht darauf.


»Tell me why?
I don’t like Mondays ...«

Sag mir warum?
Ich mag keine Montage.
Sag mir warum?
Ich mag keine Montage.
Sag mir warum?
Ich mag keine Montage.
Ich könnte den ganzen Tag
abknallen...

Bob Geldof schrieb den Song, angeregt durch die 16-jährige Brenda Ann Spencer. Das Mädchen hatte am 29. Januar 1979, es war ein Montag, den Schulleiter und den Hausmeister der Grover Cleveland Elementary School in San Diego erschossen sowie einen Polizisten und einen Mitschüler verletzt. Journalisten erklärte sie das »Motiv« für die Bluttat:
»I don’t like Mondays...«

Der 26. April 2002 war ein Freitag und der 19-jährige Robert Steinhäuser, der 15 Lehrer, Mitarbeiter, Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt und einen Polizisten erschoss, richtete sich selbst. Ohne Erklärung.

Seither ringen Andere um diese so wichtige Erklärung: Pädagogen, Kriminologen, Psychologen, Journalisten - und heute, am zehnten Jahrestag des Massakers, wohl ganz Erfurt. In der Thüringer Landeshauptstadt werden sämtliche Kirchenglocken läuten.