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Von Klaus Bellin
26.04.2012

Flammend und wundermild

Leise, aufrecht, aufsässig: Vor 225 Jahren wurde Ludwig Uhland geboren

Er hatte Glück und kam ohne Blessuren davon. Am 18. Juni 1849 stand der Abgeordnete Ludwig Uhland aus dem Wahlkreis Tübingen-Rottenburg noch einmal in der ersten Reihe, um die letzte demokratische Bastion zu verteidigen. Die Nationalversammlung in Frankfurt/Main bestand nicht mehr, geblieben war nur ein Rumpfparlament, das sich nach Stuttgart gerettet hatte, aber auch das wurde auf königlichen Befehl an diesem Junitag von Husaren auseinandergetrieben. Uhland entging der gewalttätigen Attacke knapp, weil einer der prügelnden Offiziere den prominenten Dichter im letzten Augenblick erkannte. »Die einzige Verletzung, die ich davongetragen«, schrieb er danach in einer öffentlichen Erklärung, »ist das bittere Gefühl der unziemlichen Behandlung, welche dem letzten Rest der deutschen Nationalversammlung in meinem Heimatlande widerfahren ist«.

Was für ein Kerl: Dichter, Gelehrter und Politiker, bewundert und gefeiert, wenngleich nicht unumstritten. Ein leiser, zäher, mutiger, aufsässiger Mann, den viele, wenn sie ihn sahen, wie er ihnen kahlköpfig und in anspruchsloser Kleidung begegnete, für einen biederen Handwerker halten konnten. Als Poet ein Vertreter der schwäbischen Romantik, geliebt vom Publikum wegen seiner volksliedhaften Verse und populären Balladen, erfolgreicher als Goethe, Schiller oder Börne, geschätzt noch in Paris, achtungsvoll, ja überschwänglich gewürdigt von den Kollegen. Für Hebbel war er der »erste Dichter der Gegenwart« und der einzige, »von dem ich ganz gewiß weiß, daß er auf die Nachwelt kommt«, Heine verlieh ihm 1833 den »Eichenkranz der Bürgertugend«, Chamisso zögerte nicht mit dem Bekenntnis, »daß mich nach Goethe kein Dichter so angeregt hat«, Fouqué hatte ihn »unaussprechlich lieb«, und Varnhagen von Ense bekannte, die »herrlichen, naturkräftigen Lieder« hätten ihm in ungarischer Einsamkeit die Lebensfreude wiedergegeben. Nichts bezeugt das Ansehen dieses Poeten so sehr wie die 47. Auflage seiner Gedichte gleich nach Uhlands Tod 1862.

Friedrich Theodor Vischer sah in ihm vor allem den »württembergischen Verfassungskämpfer«. Jahrzehnte lang war der Tübinger Schriftsteller Abgeordneter, erst im Stuttgarter Landtag, dann in Frankfurt, ein ernster, schweigsamer Mann, der nur redete, wenn er etwas zu sagen hatte, der den parlamentarischen Leerlauf hasste, die Schwätzer und Naseweisen, die Blender und Selbstdarsteller. Er stand mitten im Leben, im Alltag. Den Blick für die Armen, Ausgestoßenen, Kranken, Schwachen hat Uhland, dieser still praktizierende Humanist, nie verloren. Das Haus hat er nicht ohne sein Notizbuch verlassen. Da hielt er Namen und Adressen der Elenden fest, die ihn unterwegs um Hilfe baten. Jahr für Jahr zog er mit einem Geburtstagsstrauß zum Haus am Neckar, wo Hölderlin, von der Mitwelt verlacht, in seinem Turmzimmer dahindämmerte. Gemeinsam mit Gustav Schwab hat er 1826 bei Cotta erstmals die Gedichte des Unglücklichen ediert.

Uhland vereinte scheinbar Gegensätzliches. Dichtete über Liebe und Tod, Jäger und Hirten, Lerchen, Veilchen und Linde, schrieb historische Balladen, Romanzen und Dramen. Ein Romantiker, der die Bodenhaftung freilich nie verlor und jederzeit wusste, dass man in prosaischer Zeit lebte, Schöpfer vaterländischer Gesänge, der Ballade »Des Sängers Fluch« oder des Gedichts »Einkehr« (»Bei einem Wirte, wundermild, / Da war ich jüngst zu Gaste«), die es noch immer in jede Anthologie deutscher Dichtung schaffen. Auf der anderen Seite der Schwabe, der fürs »gute alte Recht« stritt, der junge Advokat mit eigener Praxis, vertraut mit den Nöten der kleinen Leute, der Germanistikprofessor an der Tübinger Universität, der Demokrat und Parlamentarier, der links saß und links stimmte, der sich nur selten bemerkbar machte, dann aber umso nachdrücklicher: gegen Fürstenwillkür und Untertanengeist, für die Gleichstellung aller Menschen, auch der diskriminierten Juden, gegen Pressezensur und Todesstrafe, gegen übermäßige Militärausgaben, für eine bessere Ausstattung der Volksschulen. Er war der Anwalt der Vernunft, ein geradliniger, sachkundiger, integrer Vertreter der Wählerinteressen, ein Poet und Prosaist, den die politischen Gedanken, wie er bekannte, nie losließen, der alle Bescheidenheit ablegte, wenn er ans Pult trat und mit Verve und rhetorischer Kraft für seine Ansichten stritt. »Glauben Sie, meine Herren«, schloss er am 22. Januar 1849 in der Paulskirche seine »Rede gegen das Erbkaisertum« (die Hugo von Hofmannsthal zu den klassischen Stücken deutscher Prosa rechnete), »es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist.«

Als Uhland 1862 fünfundsiebzig wurde, feierte ihn, nur wenige Monate vor seinem Tod, ganz Deutschland. Handwerker, Sänger, Turner, Poeten schickten ihre Abordnungen nach Tübingen, um ihm zu huldigen. Das Dichten hatte er da schon lange aufgegeben und sich aufs Sammeln von Volksliedern, auf seine Sagenforschung, die Suche nach den verschütteten Zeugnissen mittelalterlicher Dichtung, die Arbeit als Privatgelehrter und seine politischen Aktivitäten konzentriert. Unter den Intellektuellen des 19. Jahrhunderts, aktiv und erfolgreich auf so vielen Feldern, war er die Ausnahme, eine Instanz, hochgeschätzt als Mensch und Dichter.

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