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Von Irmtraud Gutschke
26.04.2012
Literatur

Gefühle unterm Neonlicht

Eva Illouz aus Jerusalem kann erklären, »warum Liebe weh tut«

Dem Titel nach könnte es ein Beziehungsratgeber sein, doch gerade von solcher Massenware grenzt sich Eva Illouz ab. Die Soziologieprofessorin aus Jerusalem sieht vielmehr einen der Gründe für das Leiden an der Liebe darin, dass wir uns zu viele Gedanken um uns selbst und unser Verhältnis zum anderen machen. Selbstprüfung und versuchte Selbstreparatur beanspruchen eine Menge Energie. Die dauernden Zweifel, ob wir die richtige Wahl getroffen haben - das betrifft alle Bereiche des Lebens - können unzufrieden stimmen, lähmen.

Es ist überaus interessant zu lesen, wie Eva Illouz Geschlechterbeziehungen heute mit denen im 19. Jahrhundert vergleicht. Wobei sie sich im Epilog genötigt sieht, sich gegen den möglichen Vorwurf zur Wehr zu setzen, sie würde die Errungenschaften der Moderne gering schätzen. Mit dem Postulat der Freiheit und Gleichberechtigung (das sich letztlich aus der Ökonomie begründet) nahmen theoretisch die Möglichkeiten zu, Beziehungen einzugehen und zu lösen. In früheren Jahrhunderten gab es festgelegte Rollen, gehörte es zum gesellschaftlichen Status für Frauen und Männer, verheiratet zu sein. Heute werden Identitäten ständig neu verhandelt, alle befinden sich in einem Wettstreit und werden oft genug als ungenügend befunden.

In der Enttäuschung (die hormonelle Erklärung reicht ihr nicht) sieht Eva Illouz ein vorherrschendes kulturelles Motiv heutigen Lebens. Die Kehrseite der Freiheit ist Unsicherheit und das ständige Streben, etwas zu optimieren. Das führt zu einer Rationalisierung des Alltags, einer Routine, die ein Dilemma erzeugt. Denn andererseits, das wird ja auch durch die Medien suggeriert, braucht ein vollwertiges Leben Leidenschaft und Abenteuer. Wie soll da die Balance zu halten sein? In unserer informationsgeladenen Wirklichkeit gibt es nur noch wenig Raum für Intimes, Unausgesprochenes. Gefühle im Neonlicht: Aber ist Erotik ohne Geheimnis denkbar?

Der Text gewinnt seine Energie einerseits aus dem Forscherdrang der Autorin, landläufige Meinungen auf den Prüfstand zu stellen, Alltagserscheinungen auf ihre sozioökonomischen Grundlagen zurückzuführen. Zugleich scheint in der Tiefe eine Erfahrung zu pulsieren, die sie sich erklären will. Insofern kommt dieser wissenschaftlichen Untersuchung eben doch eine therapeutische Wirkung zu. Indem Eva Illouz besagtes Neonlicht noch ein wenig heller macht (anders geht es nicht, sonst müsste sie zum Thema schweigen), hilft sie die Welt zu durchschauen, in der wir leben.

Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Suhrkamp. 467 S., geb., 24,90 €.

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