Von Bruno Flierl
26.04.2012
Politisches Buch

Imperiale Monumentalität

Architektur und Städtebau für Mussolini

Die großen Diktaturen Europas im 20. Jahrhundert sind als staatliche Systeme allesamt untergegangen, das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland mit dem Tod von Mussolini bzw. Hitler am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wie auch die Sowjetunion seit dem Tode Stalins 1953. Die zur Zeit der Diktatoren dieser Länder hervorgebrachten städtebaulichen und architektonischen Werke sind jedoch bis heute größtenteils erhalten geblieben und zum Objekt widersprüchlicher Bewertung der Geschichte geworden: oft bei ungenügendem Wissensstand über die einzelnen Länder.

Während die Geschichte des Planens und Bauens in Nazi-Deutschland und in der Sowjetunion bereits relativ gut aufgearbeitet ist, mangelte es bis vor Kurzem an einer gründlichen historischen Erforschung von Städtebau und Architektur im faschistischen Italien - sowohl durch einheimische als auch durch ausländische Autoren. Hier nun bietet Harald Bodenschatz mit seinem Autorenteam neues Wissen und Anregung für weitere Forschung: ein gewichtiges Buch, mit einem gründlich belegten und zugleich lesbaren Text, begleitet von 630 zum Teil großformatigen Abbildungen, Plänen und Fotos.

Es gelingt Bodenschatz und seinen Kollegen, die Geschichte des Städtebaus und der Architektur im faschistischen Italien in ihren gesellschaftlichen Verflechtungen, Ursachen und Wirkungen zu erfassen - jenseits der sonst so üblichen Gleichsetzung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts als Varianten eines übergreifenden Totalitarismus. Sie machen vielmehr die Besonderheit von Städtebau und Architektur in der Diktatur Mussolinis gegenüber der Hitlers und Stalins deutlich und erwähnen auch deren gegenseitige Konkurrenz, politische Freundschaft und Feindschaft.

Schwerpunkte der vorgelegten Untersuchung sind die Umgestaltung der Hauptstadt Italiens zum Neuen Rom, das viele mit seinem heutigen baulichen Erscheinungsbild kennen, als Produkt des italienischen Faschismus bislang jedoch unzureichend verstanden haben, ferner der Bau neuer Städte in den trockengelegten Pontinischen Sümpfen, die manchen vom Hören-Sagen, nicht aber vom Augenschein her bekannt sind, dazu Maßnahmen zur Umgestaltung großer italienischer Städte wie Mailand, Turin, Bologna u. a. Beschrieben wird die Entstehung neuer Städte im italienischen Ausland, »oltre mare«, also in Ländern jenseits des Italien umgebenden Mittelmeers, die durch einen barbarischen Kolonialkrieg zu Bastionen im 1936 gegründeten faschistischen »Imperium« geworden sind, ein Ergebnis faschistischer Aggressionspolitik. Was Rom betrifft, so werden vor allem die großen Straßendurchbrüche im Zentrum der Stadt vorgestellt: die Via della Conciliazione, die den Petersplatz mit der zuvor eng umbauten Engelsburg verbindet, und die Via dell’Impero (heute: Via dei Fori Imperiali), die von der zum neuen faschistischen Stadtzentrum ausgebauten Piazza Venezia, vorbei am Forum Romanum, bis zum antiken Kolosseum führt, ferner die Sportstadt (Foro Mussolini, heute: Foro Italico) im Norden von Rom sowie die Anlage der für 1942 geplanten Weltausstellung - E 42 (heute: EUR) - im Süden der Stadt. Letztere blieb wie vieles andere wegen des voll in Gang gekommenen Krieges nur fragmentarisch. Das hindert die heutigen Stadtväter jedoch nicht daran, die übrig gebliebenen und bestens gepflegten architektonischen Highlights zum Ruhme Italiens vorzuführen.

Dazu gehört in erster Linie der 1938 bis 1940 realisierte Palazzo della Civiltà Italiana (Palast der italienischen Kultur), der, geschmückt mit Worten von Mussolini, weithin sichtbar Italien als »ein Volk der Poeten, Künstler und Helden« preist. Ein beeindruckendes Bauwerk, das die in der faschistischen Architektur angestrebte Symbiose von Klassizität und Modernität zweifellos am gelungensten demonstriert und wegen seiner Funktion als »unpolitischer« Kulturbau im Jubiläumsjahr 2011 ganz besonders geeignet erschien, anlässlich der Feierlichkeiten zur 150-jährigen Gründung der Republik Italien 1861 aller Welt die kulturelle Bedeutung des Landes vor Augen zu führen. Wobei freilich offiziell nicht daran erinnert wurde, dass dieses Jubiläum zugleich auch die 75-jährige Gründung des Imperium Romanum von 1936 war.

Wir kennen das auch aus Deutschland: Ein Land in krisenbedrohter Gegenwart und zugleich mit visionsschwacher Zukunftsaussicht erinnert sich gern an die tatsächliche und auch an die vermeintliche Größe seiner Vergangenheit - mehr oder weniger offen und auch heimlich, wahrheitsgemäß und auch verlogen.

Harald Bodenschatz (Hg): Städtebau für Mussolini. Auf der Suche nach der neuen Stadt im faschistischen Italien. DOM Publishers, Berlin. 520 S., geb., 98 €.

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