Von Ingolf Bossenz
26.04.2012

Verrückte Leidenschaft

DVD: Oberammergau

Oberammergaus Mittelpunkt, das Passionsspielhaus, liegt am Ortsrand. Ein verrücktes Zentrum. Erst kam die Pest. Dann das Gelübde. 1633 gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre ein Passionsspiel zu veranstalten. Fortan mied der Schwarze Tod das oberbayerische Dorf. Die erste Aufführung war 1634. 1680 wurde das Spiel auf die Zehnerjahre verlegt. 2010 veranstaltete die Gemeinde die 41. Passionsspiele. Über 100 Vorstellungen von Mai bis Oktober. Mehr als eine halbe Million Besucher aus aller Welt.

Damit ist Oberammergau das einzige Gemeinwesen, das über rund 375 Jahre bis heute Passion spielt. Um diesem Faszinosum auf den Grund zu gehen, kam Jörg Adolph nach Oberammergau. Mehr als zwei Jahre vor den Passionsspielen 2010, bis zu denen er blieb. Sein Film »Die große Passion«, der jetzt als DVD erhältlich ist, ist eine Hommage an die Einwohner des 5000-Seelen-Dorfes am Fuße des Kofel und ihre Leidenschaft für das Spiel. Für ein Spiel, das nicht nur Theater ist, nicht nur Zeugnis jahrhundertealter Glaubenstradition, sondern vor allem die populärkünstlerische Inkarnation einer Sozialgemeinschaft, die dieses Spiel trägt und von ihm getragen wird. 2010 wirkten rund 2500 Oberammergauer, mithin das halbe Dorf, bei den Spielen mit.

Christian Stückl, der Spielleiter 2010, hat nach 1990 und 2000 bereits zum dritten Mal die Passionsspiele inszeniert. Der international renommierte Regisseur ist Intendant des Münchner Volkstheaters, was aber für seine Wahl zum Spielleiter nicht ausgereicht hätte. Denn bei der Oberammergauer Passion dürfen nur gebürtige Dorfbewohner mitmachen oder vor mindestens 20 Jahren Zugezogene. Christian Stückl wurde 1961 in Oberammergau geboren.

Als die Seele der Spiele ist Stückl auch die Seele des Films. In der von Adolph gewählten Form des Direct Cinema kann das gar nicht anders sein. Setzt doch dieses künstlerische Verfahren unter Verzicht auf jeden Autorkommentar auf die Kraft und die Komposition der Bilder, auf die Aussagen und das Agieren der Personen. Und das Agieren der Hauptperson Stückl dürfte ein Glücksfall für jeden Filmemacher sein. Räume, in denen Stückl ist, werden spielend von seiner Präsenz gefüllt, von seinem Aktionismus, von seiner präzisen Argumentation, die bei aller oberbayerischen Dickschädeligkeit den Kompromiss immer als Möglichkeit einschließt (nur nicht, wenn man ihm das Rauchen verbieten will).

Das Bild von dem enormen Unternehmen, das die Passionsspiele für Oberammergau kulturell, touristisch, wirtschaftlich, sozial und politisch sind, setzt sich aus den Szenen des Films wie ein Puzzle zusammen. Die strikte Chronologie bestimmt den Zeithorizont, auf dem die von einer unaufdringlichen Kamera (Daniel Schönauer) gefundenen Bilder sich zu dem Weg reihen, der von den ersten Ideenrunden über monatelange künstlerische, organisatorische, handwerkliche, logistische Arbeit zur perfekten Auferstehung Jesu führt - auf der 45-Meter-Bühne des verrückten Mittelpunktes.

Die große Passion. Hinter den Kulissen von Oberammergau. if... Cinema. 144 Min., Bonusmaterial.

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