Von Stefan Amzoll
28.04.2012

Massengrab mit Kreuz und Helm

Richard Wagners »Lohengrin« an der Deutschen Oper Berlin

Die Oper »Lohengrin« umzusetzen, ist äußerst problematisch. Das Deutsche trumpft darin auf. Einheitsvolk plappert wie der domestizierte deutsche Schäferhund chorisch nach, was die hohen nationalen Herrscher verkünden. Ordnet König Heinrich die Dinge, um Gericht zu halten über die von außen schuldig gemachte Elsa, ringt das romantische Orchester Äußerstes aus sich heraus. Sinnenbetäubung!

In »Lohengrin« gilt der Krieg als glückhafte Naturgegebenheit. Gegen die Ungarn soll es gehen und »gen Osten«, wortwörtlich. Mit dem Retter der Elsa, dem allseits bejubelten Heerführer von Brabant an der Spitze, der sich zuletzt als Lohengrin entpuppt, durch Elsas Schonungslosigkeit entpuppen muss. Lohengrin - die Bombe aus dem Gral! Mit nur einem Makel, er darf nicht erkannt werden, nicht einmal von seiner Geliebten.

Hervorstechend die Masse in Gestalt der Chöre. Sie ist in höchstem Maße manipulierwillig. Allenthalben in der letzten Szene. Das Volk befragt seinen »Retter« Lohengrin nicht, als der sich offenbart, es folgt ihm, die Arme zum »Heil« ausgestreckt. Ein fatales Bild. Dergleichen Dinge gehören zur Werksubstanz. »Lohengrin« - kein Wunder - war Hitlers Lieblingsoper.

»Lohengrin« ist ein Meisterwerk und bleibt es. Neuerertum spricht sich darin aus. Kühne Akkordketten und -ballungen, bis dahin ungehörte Mixturen im Holz und zwischen Holz und Blech. Geradezu Furcht einflößende, extrem schnell hochfahrende Posauen mit Tuben. Gewagt seinerzeit und längst nicht akzeptiert.

Das jugendliche, ungestüme Werk, entstanden in den vierziger Jahren, kam 1850 zur Uraufführung und wurde durchaus bekrittelt, von Konservativen. Wagner galt offen oder verkappt als Revolutionär, auch politisch, da er die Dresdner Barrikadenkämpfer 1848 unterstützt hatte. Er fühlte sich durchaus einer künftig einheitlichen deutschen Nation verpflichtet und trat dafür ein. Jenes Pathos der Ereignisse suchte der Komponist einzufangen, in geschichtlicher Gewandung. Dass die Ideale der Vereinigung wider die Kleinstaaterei vielfach überzogen zur Darstellung kamen, ist der Zeit geschuldet. Ein Büchner war Wagner nicht.

Kaspar Holtens Inszenierung und Steffen Aarfings Bühnenbild, beide sind Dänen, umschiffen an der Deutschen Oper Berlin die Probleme nicht. Ihre Realisation ist kritisch, das Publikum reagierte - gottlob - mehrheitlich anerkennend, ja begeistert.

Vorspiel zum ersten Akt. Das ist - allein heben die hohen Streicher langsam an - eine tief traurige Musik, ein Requiem, wie Holten sagt. Der Vorhang geht. Darauf das Wort »Lohengrin«, so als stünde dort »Verdun« oder »Stalingrad«. Tropfend die Schrift, weiß markierte Löcher sichtbar, untrüglich Einschüsse. Die Bühne zeigt parallel ein Totenfeld, kreuz und quer eine Masse toter Soldaten. Hinten blenden Tafeln auf, erkennbar die Schraffuren eines zerschossenen Waldes. Das Bild wird wiederkehren.

Der dritte Akt - er hat die festlichste und zugleich gespenstischste Musik des ganzen Stücks, ohrenbetäubend der orchestrale Trommelwirbel von allen Stockwerken des Raumes aus - setzt gegen diesen Klangwahn fotografisch das Massengrab mit Kreuz und Helm. Holten und Aarfings Sprache ist eindeutig. Ihre krassen Bilder erwidern der nationalen Feier, der Kriegslüsternheit. Sie bricht der Militanz die Spitze und hebt die Poesie der Oper hervor. Was nicht verhindert, die unvermeidlichen reaktionären Wesenheiten, die hohe göttliche Warte, das Gralsgetön des Werks mitzuschleppen, starr, historisierend, wächsern, altbacken.

Musikalisch-sängerisch lässt die Inszenierung - sie lief weitgehend statuarisch ab - kaum Wünsche offen. Dirigent des so differenziert wie beherzt musizierenden Orchesters der Deutschen Oper: Donald Runnicles. Vollkommen ausgehört wirken die gefühlsmächtigen sängerischen Diskurse, ewig ausgesponnen, über die Mythen der Liebe, der Treue, des Heldentums, die Geheimnisse des Verrats, der Rache, der Versöhnung. Gewaltige Chöre sind vernehmbar (Choreinstudierung William Spaulding). Sie huldigen dem Wechsel der Geschehnisse, kommentieren diese, stimmen zu, entrüsten sich, verurteilen, gerade wie es die Herrschaft, die Parteiungen verlangen.

Grandiose Sängereistungen sind vernehmbar, voran Petra Lang als gallige, schlaue, hinterhältige, giftige, die Intrige gegen Elsa anführende Ortrud. Heldisch, brusttönig, technisch absolut sicher Stefan Vinke als Lohengrin, der für den erkrankten Klaus Florian Vogt eingesprungen war. Ihrer Liebe zärtlich Gehör schenkend und aus individuellen Erwägungen und Trieben fähig, das Identitätsproblem des geliebten Lohengrin zu knacken, Ricarda Merbeth als Elsa. Albert Dohmen als erhabener, gerechter, basskräftiger König Heinrich und Gordon Hawkins als Telramund, waffenstarrer Schwächling und Domestik seiner Frau Ortrud, stehen den anderen kaum nach.

Ein widersprüchlicher »Lohengrin«, der zu empfehlen ist.

Nächste Vorstellungen:

28. April und 1. Mai

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken