Von Marion Pietrzok
28.04.2012

Nur noch politisch, sonst ... NICHTS

Die 7. Berlin Biennale gibt neue Antworten auf die Frage: Was macht die Kunst?

Ein Festival findet derzeit in Berlin statt, das provoziert, wie lange keins: die 7. Berlin Biennale. Als Forum für zeitgenössische, unetablierte Kunst wurde die Biennale 1998 von Ausstellungsmacher Klaus Biesenbach - inzwischen ins New Yorker MoMA aufgestiegenen - und einigen Kunstfreunden gegründet. Bisher schon war nicht nur Erfreuliches, gar Belangloses ausgestellt worden, sondern: zunehmend Abbildungen politischer Konflikte und gesellschaftlicher Problemlagen wurden an die Öffentlichkeit gesandt. Folgenlos, wie es immer so läuft mit der Kunst.

Die Neuauflage jedoch geht noch einen Schritt weiter, und zwar radikal. Folgenlosigkeit soll ein Vergangenheitswort sein. Die Berlin Biennale Nr. 7 ist nicht nur nicht happy sound im Chor der Überbringer schlechter Nachrichten, sondern - so vermutet der »Spiegel« - könne als »Abgesang auf die Kunst« erscheinen. Nanu! Nach der offiziellen Pressekonferenz am Mittwoch wurde denn auch nur vermeldet, dass die internationale Occupy-Bewegung die Biennale symbolisch besetzt hat. Zahlreiche Aktivisten der Protestgruppe hätten diesen Pressetermin der Kunstschau, die bis 1. Juli über die Stadt verteilt zu erleben ist, »zu einer Agitationsrunde« umfunktioniert. Für die kommenden zwei Monate sei ein »kollektives Experiment« angekündigt worden, so die Nachrichtenagentur dpa.

Rund 30 Künstler aus aller Welt nehmen teil. Unter 7000 Bewerbern sind sie ausgewählt worden. Bedingung war, sich zu sozialen, ökologischen, politischen Prozessen auf der Welt zu äußern, und zwar dergestalt, dass diese Äußerungen Realität verändern oder zu einer Veränderung aufrufen. Was die Künstler also anbieten: Untaugliches zur Dekoration brav-bürgerlicher Wohnzimmer, Ungeeignetes für die üblichen potenziellen Kunstkäufer, die sonst auf ihren Shoppingtouren die Galerien und Kunstmessen nach wertbeständigen und renditeversprechenden Anlagen fürs überflüssige große Geld abgrasen. Eingreifen, lautet die Losung, nicht Kontemplation. Außerparlamentarische Interessenvertretung wollen die Künstler sein statt Rädchen im globalen Räderwerk Kommerz, Konsum und Macht. Kunstwächter, seid wachsam!

Irritation klang als ein mit aggressiven Akkorden besetzter Generalbass schon im Vorfeld aus den Redaktionsstuben: Ob denn »künstlerischer Pragmatismus« die 2,5 Millionen Euro rechtfertige, die die Kulturstiftung des Bundes als Hauptkostenträger der Biennale vergeben hat. Dabei wurde auch eine alte Platte mit Sprung wieder angekurbelt, nämlich: ob denn, was hier veranstaltet wird, überhaupt Kunst sei. Dem Anschein nach zu Recht. Denn der polnische Künstler Artur Zmijewski, einer der Kuratoren des Ganzen (von »Newsweek« zu den zehn wichtigsten zeitgenössischen Künstlern gezählt), erklärt (in einem Interview des »Spiegel«): Kunst »langweilt mich«.

Ja, was ist denn nun Kunst? Kurz gesagt: eine Frage, für die, so schlicht sie ist, unzählige Antworten bereitgehalten werden. Selbst Pablo Picasso, der weltbekannteste Künstler, fand keine Definition. Listig schob er nach: Wenn ich es wüsste, ich würde es für mich behalten. Die Kriteriensuche bei der Begriffsbestimmung, die so alt ist wie die Kunst selbst, hätte allerdings abgebrochen werden können im Laufe des so kunstrichtungsexplosiven letzten Jahrhunderts mit seiner wie nie zuvor rasant gewachsenen Kunstproduktion, ebenso das Zwingen aller Ausdrucksformen und Techniken in Gattungen. Nämlich, als Joseph Beuys auf den Plan trat.

»Jeder Mensch ist ein Künstler«, so sein revolutionäres Diktum. Mithin: Alles ist Kunst. Wenn man hingegen statt des Handelnden den Betrachter das Zünglein an der Waage sein lässt, wird unter Kunst allgemein ein Werk verstanden, welche das ästhetische Empfinden anspricht, ein ästhetisches Erlebnis auslöst, etwas Neues und Einzigartiges hat (nach Walter Benjamin) - und was eben nicht jeder herzustellen vermag.

Aus dieser Richtung mag die Frage kommen: Ist es Kunst, ein Polizeiauto, genauer: einen Gefangenentransporter, zu verbrennen? Randale, Vandalismus, Straftaten, die Verhaftung nach sich ziehen - ist das Kunst? Geschaffen vom Co-Kurator der Biennale, dem Kunstkollektiv »Voina«, das in St. Petersburg und Moskau im Untergrund lebt: eine Familie - Vater, Mutter, Klein- und Kleinstkind. Gegen Oleg Worotnikow, Kopf der Gruppe, liegt wegen Rowdytums ein internationaler Haftbefehl vor. Anarchist zu sein mit dem Ziel, den Staat zu zerstören, bekennt er. »Kunst darf heute nur noch politisch sein und sonst nichts«, so der 33-Jährige in der FAS. Alles andere sei gar keine Kunst, sondern »nur eine tote Vogelscheuche gefüllt mit Scheiße und Reflexion«.

Dagegen hält er ein Ondit über Kasimir Malewitsch. Der sei mit einer Pistole durch die Künstlerateliers gegangen und habe gefragt, wer noch immer Birken male und habe dabei »wirkliche« Kunst gefordert. »Mit der Waffe. Das ist echte Kunst.«

Der Begründer der »sozialen Plastik« Joseph Beuys, dessen Ideen die 7. Berlin Biennale nachzufolgen scheint, hat das nicht ganz so gemeint. Seine documenta-Skulptur »Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (7000 Eichen)« zum Beispiel war eine zivile Aktion, eine angestrebte Einheit von Leben, Kunst, Politik und Gesellschaft. Biennale-Kurator Zmijewski, der den institutionalisierten Kunstbetrieb angreift und auf die Befreiung der Kunst aus »ihrem eigenen Ghetto« hofft - Christoph Schlingensief hat er nicht als seinen Ahnen erwähnt -, geht es um »angewandte Sozialkunst«. »Statt nur Fragen zu stellen, haben wir nach Antworten gesucht« für eine Welt jenseits von Markt und Staat. - Eintritt frei.

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