Von Heidrun Böger
02.05.2012

Den Konsum im Dorf lassen

In Deutschland gibt es inzwischen um die 200 lokale Gemeinschaftsläden

Genossenschaftsläden von Bürgern für Bürger sind eine Alternative für kleine Orte, wenn die örtliche Versorgung sich verschlechtert. Allerdings müssen die Einwohner dann selbst initiativ werden.
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Dorfladen in Falkenau

An einem beliebigen Donnerstagvormittag im Einkaufsmarkt »Unser Laden« in Falkenau, ein paar Kilometer östlich von Chemnitz: »Sind die Tomaten frisch?«, will eine Kundin wissen, Marktleiterin Gabriele Hübner bejaht. Sie kennt die Kundin schon seit Jahren, und alle anderen, die hier einkaufen, kennt sie auch.

Falkenau ist ein kleiner Ort, knapp 2000 Einwohner, seit 2011 gehört er zur nahen Stadt Flöha. Doch hat Falkenau etwas Besonderes, nämlich den Bürgerkonsum »Unser Laden«. Der gehört den Falkenauern selbst, nur in Bad Schlema im Erzgebirge gibt es noch ein ähnliches Projekt in Sachsen. Der Laden in Falkenau ist mittlerweile so berühmt, dass sogar Ministerpräsident Stanislaw Tillich schon vorbeischaute.

»Bei uns schlossen wie woanders auch immer mehr Geschäfte, vor Jahren machte der letzte Supermarkt dicht, das war 2006«, erzählt der Vorstandsvorsitzende der eingetragenen Genossenschaft Thilo Walther. Nur Bäcker und Fleischer waren und sind noch da. Die Verödung drohte. Zwar können viele Falkenauer ihre Einkäufe im nahen Flöha oder in Oederan erledigen. Vor allem für ältere Leute, die kein Auto haben, ist das aber ein Problem. So beschlossen die Falkenauer, einen eigenen Bürgerkonsum zu gründen. Thilo Walther: »Die Begeisterung war von Anfang an groß, schon zur Gründungsversammlung platzte der Saal aus allen Nähten.« Das Genossenschaftsprinzip bedeutet auch Mitspracherecht beim Sortiment, bei den Öffnungszeiten und beim Service.

5000 Artikel, vier Arbeitsplätze

Seitdem hat sich viel getan. Das alte Kino im Ort wurde mit Fördergeldern saniert und »Unser Laden Falkenau eG« Ende Juli 2009 eröffnet. Seitdem gibt es hier auf einer Fläche von 200 Quadratmetern an die 5000 Artikel, viele aus der Region, vier Arbeitsplätze entstanden. Mehr als 100 000 Kunden konnten begrüßt werden. Seit kurzem bietet man sogar Lotto-Produkte an, der Laden erweitert sein Sortiment. Es gibt immer neue Ideen. Die sind auch notwendig, denn hundert Kunden, die für mindestens zehn Euro einkaufen, müssen täglich kommen, damit der Supermarkt sich trägt.

Was macht das Besondere in Falkenau aus? Immerhin gibt es zig Orte nicht nur in Sachsen, die ohne Lebensmittelgeschäft da stehen. Vorstandsvorsitzender Thilo Walther, der selbst seit vielen Jahren im Handel arbeitet, meint: »Der Zusammenhalt im Ort ist wichtig und dass die Gemeinde bei einem solchen Projekt mit im Boot ist.« Etwa 350 Falkenauer sind Mitglieder in der Genossenschaft »Unser Laden Falkenau eG«, logisch, dass sie hier ihre Einkäufe erledigen, schließlich wollen sie, dass die Umsätze steigen. Gleichzeitig ist der Einkaufsmarkt Treff für Jung und Alt. Wirtschaftlich ist das Projekt im Plus, auch wenn Discounter wie Aldi oder Netto über die Gewinnmarge wahrscheinlich nur lachen würden. Für sie zählen erst Orte mit mehr als 5000 Einwohnern.

Die Zahl der kleineren Lebensmittel-Einzelhändler in Deutschland hat sich seit 2000 drastisch reduziert. Gleichzeitig werden die Discounter und Verbrauchermärkte immer zahlreicher, sie sind vor allem in größeren Orten präsent. Die Ladendichte hat sich spürbar verschlechtert, auf dem Land sind die Wege für den Lebensmitteleinkauf weit. Um so mehr zählen private Initiativen wie die in Falkenau, im erzgebirgischen Bad Schlema oder im thüringischen Böhlen.

Bei Günter Lühning, dem ersten Vorsitzenden des Dorfladens Otersen in Niedersachsen, laufen die Informationen zusammen. Er betreibt im Internet die Seite dorfladen-netzwerk.de: »Bundesweit gibt es über 200 solcher Projekte, die von Bürgergesellschaften, Vereinen oder Genossenschaften von Bürgern für Bürger geführt werden, um die Nahversorgung zu sichern. Der Schwerpunkt liegt dabei in Bayern, viele solche Läden gibt es auch in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, NRW und mehrere in Niedersachsen.« Lühning hatte kürzlich Besuch aus Sachsen-Anhalt: »Ein Bürgermeister und zwei Frauen aus der Region Magdeburg informierten sich über unser Modellprojekt, um auch in der eigenen 900 Einwohner zählenden Gemeinde einen Bürgerkonsum zu starten.«

Die meisten Läden liegen im Westen

Gerade neu eröffnet wurden Dorfläden in Appertshofen bei Ingolstadt und Niedersonthofen im Allgäu. Beraten wurden deren Initiatoren von Wolfgang Gröll, der sich auf Projekte dieser Art spezialisiert hat. Gröll: »Die Idee des Bürgerkonsums boomt, das kann man eindeutig sagen.« Seit über 20 Jahren begleitet der Unternehmensberater die Entwicklung, er kennt sich aus in der Materie und hat auch eine Vermutung, warum es in den neuen Ländern nur knapp zehn Dorfläden gibt: »Die Leute hier warten eher darauf, dass die Politik etwas tut, zum Beispiel der Bürgermeister. Der soll sich darum kümmern, dass es wieder einen Lebensmittelladen gibt.«

Im Westen Deutschlands dagegen würden die Leute nur auf sich selbst vertrauen. Sowohl der Dorfladen in Appertshofen als auch der in Niedersonthofen sind komplett ohne Fördermittel entstanden und auch ohne Engagement der jeweiligen Gemeindeverwaltung.

Wolfgang Gröll ist viel unterwegs in den neuen Ländern. So hatte man ihn auch nach Räpitz bei Leipzig eingeladen. Zwar waren viele Einwohner zur Informationsveranstaltung zum Thema Bürgerkonsum gekommen, denn sie vermissten schmerzlich eine Einkaufsmöglichkeit im Ort. Doch letztendlich wollte niemand die Initiative ergreifen, die Idee blieb demzufolge bereits im Ansatz stecken. Unternehmensberater Gröll formuliert es so: »Wir können den Leuten den Brocken in den Mund legen, kauen müssen sie selbst.«

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