Von Susann Witt-Stahl
03.05.2012

Olivgrüne Piratin

Die ehemalige Grüne Angelika Beer hat gute Chancen, für die Piraten in den Kieler Landtag einzuziehen

Ihre positive Haltung zu Kriegseinsätzen ging irgendwann selbst den Grünen zu weit. Jetzt hat Angelika Beer eine neue Heimat gefunden. Mit den Piraten nimmt sie Kurs auf den Landtag von Schleswig-Holstein.

Frauen gelten in der Piratenpartei - nicht anders als bei ihren legendären Vorbildern - als Exotinnen. Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein am kommenden Sonntag schickt sie nur zwei Freibeuterinnen auf Wählerfang. Eine von ihnen ist allerdings eine Prominente. Die ehemalige Grüne Angelika Beer wird von dem aussichtsreichen Platz sechs und als Direktkandidatin im Wahlkreis Neumünster Kurs auf das Landeshaus nehmen.

»In der Partei gibt es einen offenen Diskurs«, preist Beer ihre unter einem Jolly Roger ohne Schädel und Knochen segelnde Mannschaft an. »Die Mitglieder besprechen sich zum Beispiel an Stammtischen. Da werden gemeinsame Positionen erarbeitet - und die Piraten können so schnell und unmittelbar handeln.« Der Kapitän der Landeslisten-Crew Torge Schmidt - mit 23 Jahren in einem Alter, in dem Mitglieder anderer Parteien gerade einmal zum Deckschrubben anheuern dürfen -, lobt die 54-Jährige. »Sie ist sehr bekannt in Schleswig-Holstein, hat viele Kontakte zur Presse und kennt die parlamentarischen Abläufe«, zählt Schmidt Beers Qualitäten gegenüber einer großen deutschen Tageszeitung auf. Auf der anderen Seite sei sie »ein ganz normales Mitglied« und »sehr Basispirat«.

Kehrt Beer zurück zu ihren Wurzeln? Die gebürtige Kielerin begann ihre politische Karriere in einer Partei, die sich ebenfalls einmal voll und ganz der Basisdemokratie verschrieben hatte: Sie war Gründungsmitglied der Grünen. Insgesamt elf Jahre war sie Abgeordnete im Deutschen Bundestag; 2002 bildete sie mit Reinhard Bütikofer die Doppelspitze der Partei. Im selben Jahr war Beer nicht mehr für den Bundestag nominiert worden. Der linke Flügel hatte ihr das Misstrauen ausgesprochen - die Rechnung für die 180-Grad-Wendung der einstigen Friedensaktivistin. Denn 1999 hatte das Ex-Mitglied des Kommunistischen Bundes auf dem Sonderparteitag in Bielefeld eine glühende Rede für das Ja zum Luftkrieg gegen Jugoslawien gehalten und ihrem Parteikollegen und damaligen Außenminister Joseph Fischer die grüne Mehrheit beschafft für die erste deutsche Beteiligung an einem Angriffskrieg seit 1945.

Nach Schlagzeilen wie »Angelika Beer liebt Oberstleutnant« und der späteren Heirat mit dem Bundeswehroffizier Peter Matthiesen, den sie delikaterweise bei Besuchen als verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen in Mazedonien kennengelernt hatte, wurde Beer von vielen in der Partei als Chamäleon gehandelt. Sie hatte die Farbe gewechselt - vom Grasgrün der Öko-Peaceniks zum Olivgrün des Leopard II. Ab 2004 vertrat Beer die Grünen nur noch im Europaparlament. Nachdem ihr eine erneute Nominierung verweigert wurde, verließ sie schließlich die Partei. Dieser würde es »nur noch um das Erringen von Macht« gehen, und sie würde »dafür den Westerwelles und Kubickis die Wähler in die Arme treiben«, lautete Beers moralinsaure Abschiedserklärung - in der sie plötzlich auch die mangelnde friedenspolitische Ausrichtung der Grünen beklagte.

Heute ist sie wieder die Rebellin. Der »Piraten-Kodex«, ihr Hauptgrund, wie sie verrät, warum sie sich den verwegenen Gesellen angeschlossen habe: »Piraten machen die Klappe auf«, »Piraten sind mutig«, heißt es darin.

Ob Beer mit den Piraten auf der Schatz- oder Teufelsinsel landen wird, ist offen. Mit dem Neuanfang in Schleswig-Holstein entert Beer unbekanntes Terrain: Geht es um Kita-Plätze oder kostenloses Mittagessen in Ganztagsschulen - jemand, die wie Beer über Jahrzehnte auf Fragen der transatlantischen Sicherheit und Militärpolitik spezialisiert war, muss Landespolitik erst noch üben. Bisher ist es ihr lediglich gelungen, sich mit einem Thema zu profilieren: Die Bekämpfung des Rechtsextremismus. Ihre neue Partei zeige bei den Naziaufmärschen »Flagge«, lobt sie und schießt sogleich eine Breitseite gegen ihre alte Partei: »Von den Grünen habe ich niemanden gesehen.«

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