Hans-Dieter Schütt
05.05.2012

Treibmetall

Das da, es liegt am Strand wie ein totes Tier. Als hätte das Meer wahrlich Knochen-Arbeit geleistet. Es ist eine Harley Davidson. Was von ihr blieb. Nach etwa fünftausend Kilometern Strecke - im Wasser, nicht auf Straßen. Im März vorigen Jahres war der Container, in dem das Motorrad stand, vom Tsunami in den Pazifik gerissen worden. In Japan. 20 000 Menschen hatten ihr Leben verloren. Jetzt strandete die Harley Davidson, mit dem Container zu großer Fahrt gezwungen, an der kanadischen Westküste. Das Nummernschild führte zur Ermittlung des Besitzers.

Ein seltsames Ereignis von Bestandskraft inmitten unablässiger Zerstörungen. Gewöhnlicherweise gehört das Meer den Gescheiterten, die über die Jahrhunderte hinweg ihre Geschichten erzählen - wenn man nur bereit ist, zu den zerbrochenen Schiffen auf den mythischen Grund der Ozeane hinabzusteigen. Dieses versehrte Gefährt aber erzählt, obwohl es nie lebte, die Geschichte eines Überlebens. Treibmetall wie Treibholz. Strandgut: So ist es gut - man muss warten können auf Wiederkehr. Es kommt die Stunde, und mit ihr erfüllt sich eine verlorene Hoffnung. Im Sturm, der hinweg fegt, wird stets auch der kleine Wind geboren, der günstig steht.

Günter Eich: Strandgut

Bruchstücke von Gesprächen,
die unter Wasser geführt werden,
auf den Sand geworfene Antworten, -

Keine Fährten, aber die Wellenränder
mit Quallen und Algenteilchen
Holzsplitter, Muschelschale und Bernsteinrest,
und die Welle, die zurückläuft,
daß hinter der Feuchtigkeit
der Sand sich wieder erhellt,
als begebe sich eine schnelle Dämmerung.

Die Frage erwartend
flattert das Gras auf der Düne.

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