Von Ilja Seifert
05.05.2012
Gastkolumne

Mit uns ist zu rechnen

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Ilja Seifert. Der fast 61-jährige Bundestagsabgeordnete der LINKEN ist Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland »Für Selbstbestimmung und Würde«.

Menschen mit Behinderungen nutzen die Zeit um den 5. Mai - dem Europäischen Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen - für öffentlichkeitswirksame und originelle Aktionen. Ihre Botschaft: Wir gehören dazu! Sie demonstrieren für mehr Teilhabe - vielleicht auch ganz in der Nähe? Seien Sie dabei! Denn ihr Anliegen geht alle an. Nicht nur, weil jeder einmal selbst, als Angehöriger oder Freund, von Behinderung betroffen sein kann. Sondern auch, weil Menschen mit Behinderungen wie Seismographen registrieren, ob die Gesellschaft humaner wird oder sich verhärtet, ob Spaltung zu- oder abnimmt, ob Dabeisein leichter oder schwerer wird. Für Jede und Jeden.

Den Protesttag gibt es europaweit seit 20 Jahren. Doch noch immer müssen Menschen mit Behinderungen der Regierung Untätigkeit attestieren. Etwa bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention - eigentlich seit dem 26. März 2009 geltendes Recht in der BRD. Sie fordern Gemeinsamkeit und propagieren das »Nutzen-für-alle-Prinzip«. Es besagt: Macht den Bedarf von Menschen mit Behinderungen zum Maßstab politischer Entscheidungen, des Handelns von Verwaltungen und designerischer Kreativität. Ihr werdet wunderbar praktische, elegante, originelle und bequem handhabbare Lösungen für alle erleben. Insbesondere dann, wenn sich der Fachverstand von Politikern, Beamtinnen, Designern, Ingenieurinnen und anderen Spezialisten mit dem Sachverstand von Expertinnen und Experten in eigener Sache paart. Auf gleicher Augenhöhe.

Die Auftaktdemo zur diesjährigen, von der Aktion MENSCH unterstützten Kampagne fand am 27. April in Berlin statt. Über 1500 Menschen zogen vom Bundeskanzleramt - wo weder die Hausherrin noch irgendein Vertreter der Regierungschefin es für nötig erachtete, den Demonstrierenden auch nur zuzuhören - zum Brandenburger Tor. In die »Mitte der Gesellschaft«. Dort gehören wir - Menschen mit und ohne Behinderungen, jung und alt, Frau und Mann, deutsch und neudeutsch, Du und ich - nämlich hin. Wenn die Regierung nicht auf uns hören will, muss sie trotzdem mit uns rechnen!

Wer Barrieren errichtet, verstößt gegen Gesetze. Wer Sonderregelungen zur Regel macht, sondert aus. Barrieren zu beseitigen, könnte ein nachhaltiges Konjunkturprogramm sein. Es geht um eine inklusive Gesellschaft, in der die freie Persönlichkeitsentfaltung jedes Einzelnen zum Ziel politischen Handelns und des alltäglichen Miteinanders wird. Dazu gehört, Teilhabe zu ermöglichen. Durch den Ausgleich von Nachteilen, die sich aus Behinderungen ergeben, durch persönliche Assistenz, durch Vielfalt und Miteinander.

Gehen Sie, liebe nd-Leserinnen und nd-Leser, zu diesen Aktionen in Ihrer Nähe! Wer dort demonstriert, sind Ihre Nachbarn, könnte in Ihrem Kiez wohnen. Menschen mit Behinderungen sind nichts »Besonderes«. Sie brauchen keine »Sondergesetze«, keine »Sonderwohnungen«, keine Aussonderung. Ihre Probleme und ihre Freuden unterscheiden sich höchstens graduell von denen nicht-behinderter Menschen. Nachteile wirken härter. Erfolge stärker. Lasst uns aufeinander hören, voneinander lernen und miteinander leben!