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Von Hans-Dieter Schütt
07.05.2012

Theatertreffen Berlin

3 x Sarah Kane

Marc Benjamin, Sylvana Krappatsch in »Gesäubert«
Marc Benjamin, Sylvana Krappatsch in »Gesäubert«

Die Idee der Erlösung ist in unser Wunschdenken gesickert, weil die Menschheit mehr und mehr erkennen musste, dass sie beheimatet ist in einer fortwährenden Weltgeschichte des Verzweifelns. Die Krise der Gattung schreitet voran in dem Maße, wie Menschen wissen und fühlen, dass sie moralisch und physisch stets schlechter leben, als es richtig und gut wäre. Klar, das ist eine Behauptung, die konsequent die anderen meint - die anderen Gesellschaftsordnungen, die anderen Systeme, die anderen politischen Lager, die anderen Familien, das andere Du. Die Erkenntnis des Schlimmen ist mit Abweisung verbunden: Ich nicht!, mein Leben keineswegs!

Die einzige Kraft, die da Besinnung auskippen kann, wie es ein Eimer Frostwasser über einem schier rettungslos Verkaterten schafft - das ist der Tod. Der fiese, feiste, sich ungerührt einfressende Tod. Und der Tod nicht als Blitzschlag, sondern als jener Meisterdramaturg, der erste Ahnungen ausstreut, als seien sie nur Gerüchte, der dann raffiniert gesteigerte Schmerzschübe anrollen lässt, Dunkelwellen der Depression. Der Tod muss ganz nah sein, er muss uns so bedrängen, dass wir bereit sind, das Wort Leben - so, wie wir es bislang gelebt haben - endlich durch das Geständniswort Hölle zu ersetzen; Hölle ist ja nur ein mythischer Namen für das »reale Schmerzarchiv« (Peter Sloterdijk) der Individuen und Völker.

Und wo dieses Archiv überquillt an Material, da tönt der Mensch flehend: Erlösung! Was ist damit gemeint? Endlich doch Einkehr, Umkehr? Oder die Bitte an den Tod, Schluss zu machen?

Sarah Kane, 1971 geboren, erhängte sich 28-jährig in einer psychiatrischen Klinik Londons. Die Theaterstücke dieser unglücklichen jungen Frau entstanden an der Schwelle zum Tod, sie kamen auch über deutsche Bühnen, wie ein schwallartig herausgebluteter Sinnsturz. Eine Krankheit als Ideengeber. Unerträglich, schockierend, ein Schrei der Entwurzelung. Abgehackte Gliedmaßen, Verwirrheit der Geschlechter, geöffnete Schädel, Zungen wie herumfliegende Lappen. Das Drama des unkontrollierten, verflucht ehrlichen Unterbewusstseins.

Johan Simons hat an den Münchner Kammerspielen drei Stücke der Kane, »Gesäubert/Gier/ 4.48 Psychose«, zu einem Triptychon gewoben (Bühne: Eva Veronica Born). Die Inszenierung eröffnete am Freitag das 49. Theatertreffen Berlin. Dreimal Kane? Das assoziiert eine Überdosis Schluckreiz aus Betroffenheit und Befangenheit - wie sich dem auftürmend Grausamen entwinden?

Aber geradezu sensationell anders verläuft dieser Abend auf weit offener, von Bodenscheinwerfern begrenzter Bühne, unter einem Wald aus langen weißen runden Papierlampions, als schickte der Himmel Säulen - welche die Erde aber nie erreichen dürfen; hier unten hat alles haltlos zu bleiben. Nicht mehr »nur« eine herzenswunde Psychologie teilt sich mit, die in jedem Schreckensauswurf an das Schicksal der Autorin denken lässt, nein, bei Simons röhrt, röchelt, ruft, rumort, rinnt ein menschlicher Urtext.

»Gesäubert« erzählt von Sterben, von Geschwisterliebe und Homosexualität, von psychischen Verkapselungen und Fantasie-Eskapaden der Idiotie. Eine Klinik als Stätte perverser Menschenexperimente des Aufsehers Tinker. Freiheitsrausch wird mit Folter kurzgeschlossen. Einst bei Peter Zadek (mit Ulrich Mühe) sah man im grünkalten Kachelraum eine kaum aushaltbare Simulation der Vernichtungen. Als sei man Mengeles Zeugenschaft. Simons reißt das Stück, das sich auf uns werfen will, wie an einer Wolfsleine zurück. Es rückt ab, wird zum verrückten Kinderspiel. Als gingen Jüngste auf Holzwollesuche in Puppenbäuchen. Grotesker, komischer geht es nicht. Grausamer auch nicht.

Tinker als Struwwelpeter-Kopie; Schnippschnapp, sagt sein Mund, wenn er Körper verstümmelt. Brüllen, sabbern, saugen, weinen, unendlich langes Zählenlernen an einer Holzrechenmaschine - das Wahnhafte ist lesbar als Mobilmachung des Ernstfallbewusstseins: Jedes Wesen ist ein zerstörter Hymnus der Liebe, aber von Liebe reden diese Wesen nach wie vor - als könnten sie mit diesem einen Wort doch noch das einengende Weltall sprengen. Das Weltall antwortet, indem sich die Papierlampions unter Feinregenwolken auflösen und wie Hautfetzen herunterfallen. »Schneidet mir die Zunge ab, reißt mir die Haare raus, hackt mir die Glieder ab, nur meine Liebe, die lasst mir.« Diese Liebe wird hier gesungen, freilich aus einem Gedächtnis heraus, das letztlich doch nur die zusammengebrochenen Horizonte häuft.

»Gier«, das zweite Stück, bleibt auf weit offener Bühne, lässt aber alles auf ein Zentrum mit vier Stühlen zusammenschnurren. Vier Schauspieler in einem faszinierend choreografierten Stimmen-Konzert, gegeneinander, miteinander, von tollem Witz und traurigster Einsamkeit. Der Versuch, miteinander zu reden, als ein von vier rasend nervösen, fiebernden, frierenden, fauchenden Köpfen angestachelter Kampf - um die jeweils beste Art, unverstanden zu bleiben. Jedes Wort ein unterdrücktes Gebet, das dann als Sarkasmus herausprallt.

»4.48 Psychose« schließlich. Erinnerung der Autorin an jene Uhrzeit, zu der ihr, in depressiver Schraubzwinge, regelmäßig die klaren Gedanken kamen. Letztes Welt- und Ich-Gericht vorm Strick. »Ich hab die Juden vergast, die Kurden gekillt, ich hab die Araber bombardiert, ich habe kleine Kinder gefickt.« Auf der Bühne ein Kammerkonzert-Ensemble, zwei Spieler. Jetzt, da Arzt und Patient eine Art suizidale Vorfeldforschung betreiben, ist Kanes Dramatik ein schwarzes Requiem. Eine Zelebration, als seien alle Zeiten aufgehoben, durchjagt von Zuckungen gedemütigter Kreaturen.

Unsentimentales Spiel mit dem Seelenunheil; Sarah Kanes Dramatik wird aus klinischen Bezügen befreit. Marc Benjamin, Sandra Hüller, Stefan Hunstein, Sylvana Krappatsch, Stefan Merki, Annette Paulmann, Thomas Schmauser: ein betörend erschütterndes, feinfühliges, virtuos clowneskes Ensemble. Sieben brillante Akteure, die sich in über drei Stunden gleichsam in einen Satz hineinspielen: Nur ein zerrissenes Herz hat Öffnungen zur Wahrheit.

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