07.05.2012

Kunst, die bleibt

Gabriele Mucchi

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Wer von 1899 bis 2002 lebte, wie der Maler Gabriele Mucchi, wer sich in Italien ebenso sehr (oder auch wenig) zu Hause fühlte wie in Deutschland (die DDR war dem Kommunisten ein provozierendes Exempel auf alle Theorie geworden), über dessen Begriff von Realismus darf man Mutmaßungen anstellen.

Mucchis Autobiografie heißt trotz seines märchenhaft langen Lebens »Verpasste Gelegenheiten« und offenbart einen Charakter, der das Provisorium als Schutzraum des Humanen gegen eine Ideologie verteidigte, die er in Dogmatismus münden sah. Der Maler als Transitreisender zwischen Mailand, Varenna am Comer See und Ost-Berlin ließ sich nie hinter Grenzen einsperren - das war, wie er wohl wusste, ein Privileg. Er nutzte es als Vermittler von Weltläufigkeit, wie am 8. April 1963 in dem Vortrag »Gegen Dogmatismus« im Berliner Club der Kulturschaffenden, in dem er den Realismus als etwas beschrieb, das anderes ist als bloß epigonaler Klassikaufguss. Die Kunst sollte eine neue Welt eröffnen: »Das Suchen nach einer neuen Form bringt mit sich auch das Versuchen, das Probieren, das Studieren der Werke, die andere geschaffen haben und schaffen, bringt mit sich Versuche, die gelingen und andere, die nicht gelingen.«

Realist sein, hieß für ihn auch, die Dinge bei ihrem unbequemen Namen zu nennen, die Selbstgerechtigkeiten beiseitezulassen. So schrieb er am 6. Oktober 1989 an Kurt Hager: »Aber für den gegenwärtigen Exodus seid Ihr selbst im großen Maße verantwortlich. Deshalb ist der fettgedruckte Titel ›Menschenhandel‹ in Eurer Presse (›Neues Deutschland‹ vom 19. September 1989) nicht richtig. Die Bürger glauben das ebensowenig, wie sie im Mai die Wahlergebnisse geglaubt haben ...«

Als Mucchi das nicht ohne Zorn schrieb, war er bereits 90 Jahre alt und begann in der Kapelle in Vitt auf Rügen mit dem Wandgemälde »Uomini nella burrasca« (»Menschen im Sturm«). Der Sturmwind, den wir da sehen, ist der der Geschichte. Er treibt uns, wie wir spätestens seit Walter Benjamin wissen, nicht ins Paradies, sondern immer weiter fort von ihm.

Am 10. Mai jährt sich der zehnte Todestag Mucchis, und die seit Langem mit seinem Werk verbundene Galerie der Kunststiftung Poll erinnert darum an ihn in einer allerdings allzu kleinen Ausstellung (die man als Präludium einer dem Gesamtwerk angemessen großen Ausstellung verstehen sollte!). Doch immerhin gibt sie den Anstoß, sich selber auf Suche nach Spuren dieses ungewöhnlichen Künstlerlebens zu machen.

Wie nahe sich Mucchi dem Neorealismus eines Vittorio de Sica und Roberto Rosselini fühlte? Da sind Fotos eines Aufenthalts auf Procida 1940, dieser lange aus der Zeit gefallenen Insel im Golf von Neapel. Er porträtiert Fischermädchen, die jugendlichen Übermut hinter traditionsschwerer Demut kaum verstecken, lauter geballt-stille Augenblicke eines einfachen Lebens, aber auch Gaukler oder eine Ritirata (Toilette) - da mischt sich ein elender, auch brutaler Alltag mit melancholisch bewehrtem Stolz.

Das schwierige Verhältnis von Kunst und Politik begleitet ihn von Anfang an. Der Futurismus Marinettis, die modernste Kunstrichtung Italiens (dem deutschen Expressionismus verwandt), steht dem Faschismus nahe. Um sich abzugrenzen - ohne das Erbe des Expressionismus den Faschisten überlassen zu wollen -, bildet sich 1938 in Rom, Mailand, Venedig die Gruppe »Corrente«, der Mucchi angehört. Er arbeitet auch als Architekt, konstruiert funktionalistische Möbel; man erkennt den Einfluss des Bauhauses.

Dieser Streit um die moderne Kunst wird sich dann bis in die DDR fortsetzen. Mucchi gehört zu den unter »Formalismusverdacht« stehenden Malern - um so energischer bekennt er sich zu Picasso, dessen Antikriegsbild »Guernica« der SED-Kulturpolitik bis in die sechziger Jahre hinein ein Spiegel »spätbürgerlicher Dekadenz« ist. Ebenso streitet Mucchi für Otto Dix, Franz Marc oder Ludwig Meidner, die sämtlich bereits unter dem Nazi-Verdikt der »entarteten Kunst« gestanden hatten.

Natürlich ist auch diese Zeitung in die heute obskur anmutende Verbotspraxis moderner Kunst involviert. Am 24.5.1962 veröffentlichte Ingrid Beyer vom Institut für Gesellschaftswissenschaften der SED im »ND« den Text »Das Thema schafft noch keinen Realismus - eine Auseinandersetzung mit falschen Begriffen«. Ein ideologischer Abgrenzungsversuch gegen den Einfluss »westlicher« Kunstrichtungen. Über Picassos »Guernica« schreibt die Autorin (und greift damit direkt Mucchi als dessen Verteidiger an): »Es kann wegen seiner Unkonkretheit weder Erkenntnisse über das Wesen des imperialistischen Krieges und über die Kraft der Volksmassen vermitteln, noch überhaupt ein tiefes menschliches Anteilnehmen hervorrufen. Darin gerade müßte jedoch die unmittelbare gesellschaftliche Wirksamkeit eines solchen Kunstwerkes bestehen, wäre es realistisch zu nennen.« Perfiderweise zitiert sie Ernst Barlach, dessen Kunst nicht lange zuvor noch von der DDR-Kulturpolitik als Formalismus abgelehnt worden war, so dass sich Brecht gezwungen sah, sich laut zu Barlach zu bekennen. Nun also muss Barlach gegen Picasso herhalten: »Auf eine Esperanto-Kunst kann ich mich auch nicht einlassen.«

Mucchi bekommt am im August 1962 eine Einladung vom Chef der Kulturredaktion des ND, Köhler, sich zu äußern: »Also schreiben Sie uns, damit ein bisschen Leben in die Zeitung kommt.« Geht doch, denkt Mucchi, und schreibt einen Artikel, in dem er Picassos Realismus erklärt. »Kunst ist wie eine Pflanze. Sie braucht breiten Boden und nicht ein winziges Stück Erde. Sie braucht viel Licht und viel Luft, um sich mit schönen Blüten schmücken zu können. Die Aufgabe der Kritik kann keine andere sein, als ihr Boden, Luft und Licht nicht zu nehmen, sondern ihr zur Entfaltung zu verhelfen.«

Ein kosmopolitisches Bekenntnis, das die regierenden Kleinbürger als Angriff empfinden. Nein, ins ND kommt kein Leben, nicht mal ein bisschen. Der Text wird nicht gedruckt. Am 28. Oktober fragt Mucchi nach - keine Reaktion. Am 31.12.1962 letztmals ein Kontaktversuch: »Nicht nur, dass mein Artikel bisher unveröffentlicht blieb, Sie haben es nicht einmal für notwendig gehalten, mir die maßgeblichen Gründe mitzuteilen, sie haben drittens nicht auf meinen freundlichen und, wie ich wohl sagen darf, ernsthaften Brief geantwortet.« Ein Spiegel der DDR-Kulturpolitik, die erfolgreich daran arbeitet, jene Widersprüche mundtot zu machen, die sie andererseits rituell als gesellschaftliches Bewegungsprinzip beschwört.

Zurück zur Kunst, die dennoch bleibt. Nur eines der großen Gemälde Mucchis (samt Vorarbeiten) ist in der Ausstellung zu sehen: »Das Bombardement von Gorla« 1951. Ein Klage, Anklage auch im Geiste Goyas. Flächige, blockartige Formen, der Himmel bis zum Horizont dunkelbraun, fast schwarz, dann in Erdnähe gelb und in einem scharfen Kontrast ins Bläulich-Violette des Bodens übergehend. Im Vordergrund eine Frau, die um die Opfer trauert, gehalten von einer anderen, die hinter ihr steht. Der Himmel endet bereits eine Handbreit über ihrem Scheitel. Mucchi malt Frauen als Zeugen der Geschichte, Mütter und Töchter, keine Madonnen. Die leidenden Frauen sind es, die neue Hoffnung geben - sie räumen die Trümmer des Krieges immer wieder beiseite, pflegen Verletzte, beklagen Tote.

Mucchi, der erstmals 1951 zu den Weltfestspielen seine Bilder in der DDR gezeigt hatte, blieb fortan ein Wahlberliner, war verheiratet mit der Spandauer Bäckerstochter und Bildhauerin Jenny Wiegmann. Er wirkte auf viele bildende Künstler der DDR - von Niemeyer-Holstein bis Joachim John. Ein Maler, voll Unruhe und Beharrlichkeit das umkreisend, was in der Realität immer neu einen künstlerischen Ausdruck fordert: ein kommunistischer Anti-Ideologie, der ein Beispiel gab.

Aber die DDR ließ sich nicht helfen. 1987 wurde er von Cornelia Lambriev für die BZ interviewt. Er sagte: »Die realistische Kunst schaut in die Zukunft. Sie ist für eine neue Welt. Der Welt, die wächst und sich entwickelt, gibt sie ihre Ideen und Darstellungen.« Im Archiv Mucchis findet sich eine Notiz: »Das Interview wurde nicht veröffentlicht. Ich sagte ihr ›Ihr sollt mehr Mut haben!‹ Sie weinte.«

Gabriele Mucchi zum 10. Todestag, bis 14. Mai, Galerie der Kunststiftung Poll, Berlin, Di-Sa 15-18 Uhr