Von Christoph Funke
08.05.2012

Zertrümmerung einer Legende

»Paul und Paula« am Maxim Gorki Theater Berlin

Paul und Paula, Ulrich Plenzdorfs vom Verlauf der Zeiten unberührte Liebende, leben in einer luftigen, gleichsam gesetzlosen Welt. Sie suchen (im DEFA-Film von 1973) nach einem Glück, das Zwänge und Normen nicht kennt. Die Gegebenheiten des real existierenden Sozialismus in der DDR gelten für sie nicht. Paul und Paula erhöhen ihren Alltag zum Märchen, machen ihn zur geheimnisumwitterten Legende. Weil sie böse Wirkliches kaum wahrnehmen, gelingt ihnen die Hingabe an einen Traum - den Traum von Freiheit. Anmutig, leicht, wie schwebend gehen sie durchs Dasein, und auch Bitterkeit, Tod, Enttäuschung bestärken nur das Unwirkliche, Zauberische ihrer Liebe.

Robert Borgmann erzählt mit seiner Plenzdorf-Collage »Legende vom Glück ohne Ende«/«kein runter kein fern« im Berliner Maxim Gorki Theater etwas anderes. Er wuchtet Geschichte auf die Bühne, schlägt die Legende buchstäblich in Trümmer. Was da einst geschehen ist in den Zeiten von Krieg und Nachkrieg, flauem DDR-Wiederaufbau bis hin zu Machenschaften der Stasi, bürdet der Regisseur und Bearbeiter sechs aus dem Text herausgearbeiteten Figuren auf.

Es geht nicht mehr um Liebe, es geht um historische Erfahrungen, die nur mit äußerster Anspannung zu ertragen sind. Dazu baut er die Romanfortsetzung der Paul-und-Paula-Abenteuer von 1983 und das Hörspiel »kein runter, kein fern« in vom 1990 in den neuen, anderen Theatertext ein. Er will die lineare Abfolge von Ereignissen und ein festes Gerüst für die Figuren nicht, er setzt auf ständige Wandlung, Irritation, Unruhe.

Ein «Chor« von fünf Nachbarinnen, vorn an der Rampe sitzend und in Handarbeiten vertieft, nimmt zunächst den Plenzdorf-Erzählton bedächtig auf, führt in die merkwürdigen Vorkommnisse um Paul und Paula ein, verliert aber bald den Faden. Eine intensive, aber fast berührungslose erste Begegnung der Liebenden bleibt für das Bühnengeschehen folgenlos, denn fortan gerät Plenzdorf mehr und mehr ins Vergessen.

Der Regisseur und Bearbeiter setzt auf hitzige Emotionen und dröhnende Lautstärke. Videosequenzen schaffen zwar raffinierte bildliche Perspektivwechsel, betonen aber auch das Uneinheitliche, Zufällige, Zerrissene der Inszenierung. Ein förmlich explodierendes sinnliches Theater wird da versucht - aber Paula darf über längere Zeit nur noch auf der Ersatzbank Platz nehmen. Alle leisen Töne verstummen. Samt und sonders sind die Handelnden wund, aufgerieben von deutscher Geschichte, die sie aus sich herauswürgen müssen, bis zum Exzess. Die Bühne (Susanne Münzner), erst ein sauberer weißer Kasten, unterliegt ebenfalls zunehmender Zerstörung, kommt ins Kreiseln, öffnet sich für eine »Randbespielung« und bleibt doch Gefängnis. Und dann, fast hat man Paul und Paula vergessen, gibt es doch einen Höhepunkt.

Albrecht R. Schuch (auch der junge Paul) tänzelt das Hörspiel »kein unter, kein fern« auf die Bühne, 20 Minuten, ohne Pause. Klage, Wut, Widerstandskraft eines behinderten Jungen, der von Vater und Bruder böse unterdrückt wird, macht der Darsteller zu einer Bestandsaufnahme von DDR-Befindlichkeit. Alles findet in seinem sich windenden, aufbäumenden, fiebrig unruhigen Körper statt, die Bosheiten der Peiniger, das Ringen um Selbständigkeit. Der Junge bewährt sich als Zauberer, der dem Bösen sich selbst, und nur sich selbst entgegenstellt.

Mit dieser sehr bemühten »Einblendung« in die Liebesgeschichte bereitet der Regisseur das schlimme Ende vor. Paul bekommt (im Roman) nach Paulas Tod eine neue Paula, oder Laura. Die ist bei Borgmann eine streng gekleidete, bewaffnete, herumballernde Stasi-Gouvernante, und Paul präsentiert sich als Clown, als Jammerlappen, mit kaum einer Spur Ironie. Jetzt muss alles hoch bedeutsam werden, deshalb geht es wieder einmal nicht ohne Heiner Müller ab. Assoziation auf Assoziation wird auf die Bühne gestürzt, und auch ein höhnisch bis zu akustischer Unerträglichkeit gesteigerter Puhdys-Song muss her. Erstaunlicherweise steht das Großmütter-Kränzchen des Anfangs alles durch - bis nach drei Stunden Schluss ist.

Die Schauspieler - sie arbeiten mit Hingabe, mit Lust. mit unbändiger Kraft. Thomas Lawinky als Paul ist der Staunende, Herumgestoßene, Ausgelieferte, der seinen Platz nicht findet. Julischka Eichel die übermütige, tapfere, dann auch ganz nachdenkliche Paula - den Zauber, den die Figur bei Plenzdorf hat, darf sie nur selten zeigen. Den Regisseur interessieren Individuen nicht, er will auf die Bühne holen, was sich zugetragen hat in der DDR, in Deutschland, damals in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts, und bis heute weiterwirkt. Er entwirft kühne, schwer entzifferbare Bilder und benutzt Plenzdorfs Paul-und-Paul-Geschichten dabei nur als Krücke für ein unverhohlen pessimistisches, fast schon gewalttätiges Geschichts-Panorama.

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