Von Karlheinz Kasper
10.05.2012

Grosteske Phantasmagorie

Andrej Kurkow und sein »Volkskontrolleur«

Im Westen gilt Andrej Kurkow als einer der wichtigsten russischsprachigen ukrainischen Schriftsteller der Gegenwart, in Russland und der Ukraine ist er weniger bekannt. In der Nähe von Leningrad geboren, lebte Kurkow seit frühester Kindheit in Kiew. Dort absolvierte er eine Ausbildung als Fremdsprachenlehrer und Übersetzer, war Zeitungsredakteur, Kameramann und während des Wehrdienstes sogar Gefängniswärter. Nach dem Ende der Sowjetunion veröffentlichte er rund zwanzig Prosabände, ferner Drehbücher für Spielfilme und Fernsehproduktionen. Deutsch erschienen sechs Romane und ein Erzählungsband bei Diogenes in Zürich. Kurkow favorisiert die Stilmittel des Krimis, der Fantasy und des Abenteuerromans, liebt Ironie und Satire, das Absurde, Groteske. Auch im Roman »Der wahrhaftige Volkskontrolleur«, den Kerstin Monschein für den Innsbrucker Haymon Verlag übersetzt hat, sind diese Elemente zu finden, doch sie fügen sich nicht zu einem überzeugenden Ganzen.

Von Pawel Dobrynin, dem Protagonisten Kurkows, heißt es, er sei »ehrlich, bis zur Dummheit«. Wohl deswegen wählen seine Dorfgenossen den Kolchosbauern zum »Arbeitskontrolleur auf Lebenszeit für die ganze Sowjetunion«. Dobrynin verlässt seine Manjascha, die Kinder und den Hund und reist nach Moskau, wo ihm eine Dienstwohnung, eine »dienstliche Ehefrau« sowie alle Werke der »Klassiker« zur Verfügung gestellt werden. Michail Kalinin (von 1923 bis 1946 formelles Staatsoberhaupt der UdSSR) erläutert ihm seine Aufgaben, schenkt ihm ein weißes Pferd und das Büchlein »Lenin für Kinder«. Damit fliegt Dobrynin nach Jakutien, wo zwei Hütten als Ortschaft und drei Hütten als Stadt gelten. Er übersteht den Schneesturm und die Polarnacht und gelangt nach Chulajba, wo es neben einem Schamanen und einigen Einheimischen ganze zwei Russen gibt, einen Kommunisten und einen Komsomolzen. Dobrynin deckt die Verbrechen des falschen Genossen Kriwizki auf, der schon zwei Volkskontrolleure umgebracht hat, die Einheimischen ausrottet und mit den Japanern paktiert. Kriwizki muss am Totempfahl mit der Leninbüste sterben. Beim Rapport im Kreml hört Dobrynin, die Sowjetunion sei von lauter Feinden umgeben. Er lernt den Folterstuhl der Tschekisten kennen, mit dem Treue und Willenskraft der eigenen Leute geprüft werden, und erfährt, dass »aus Menschen Nägel gemacht« werden sollen, wie es in einer Ballade von Nikolai Tichonow heißt.

Auf weiteren Handlungslinien des Romans agieren skurrile Figuren. Ein Engel desertiert aus dem Paradies, um in der Sowjetunion nach Gerechten zu suchen. Er schließt sich Arbeitern, Bauern, Lehrern und Soldaten an, die in ein »Neues Gelobtes Land« aufbrechen, in dem die Erde »rabenschwarz und leicht wie Gänsedaunen« ist, kann aber niemanden überzeugen, dass der Mensch eine Seele braucht. Ein Schuldirektor glaubt, dass Lenin auf einer grünen Wiese unter dem Kreml weiterlebt, und erkennt, dass zwischen dem Leben und den staatlichen Lehrplänen Widersprüche klaffen. Ein Varietékünstler tourt durchs Land, mit ihm der Papagei Kusma, der gern Gedichte vorträgt und weiß, welche Verse wo opportun sind. Eine Gewehrkugel, die sich selbstständig gemacht hat, fliegt herum und trifft ihre Opfer todsicher an der Stelle, an der sie ihre Orden tragen.

Die fünf Handlungsstränge werden abwechselnd erzählt. Immer dann, wenn Spannung aufkommt, fängt die nächste Geschichte an. Einen Zusammenhang zwischen den Episoden gibt es nicht, es sei denn, man liest das Buch (das im Original die Gattungsbezeichnung »Skazanie« trägt, was soviel wie Sage oder Märchen heißt) als groteske Phantasmagorie über das Leben in der Sowjetunion. Das ist kein heiterer Abschied von der Vergangenheit, aber auch keine Satire, die ins Schwarze trifft. Aus russischen Quellen war zu erfahren, dass es sich bei dem »Wahrhaftigen Volkskontrolleur« um den ersten Teil der Trilogie »Die Geographie des einsamen Schusses« handle. Der sei zusammen mit den Teilen »Das Schicksal des Papageis« und »Die Kugel fand den Helden« 2003 in Charkow herausgekommen, eine Neuauflage der Trilogie, jeder Band mehr als vierhundert Seiten stark, 2007 in Petersburg. So könnte es möglich sein, dass dem »Wahrhaftigen Volkskontrolleur« auch hier weitere Bände folgen. Andrej Kurkow: Der wahrhaftige Volkskontrolleur. Roman. Aus dem Russischen von Kerstin Monschein. Haymon Verlag. 430 S.,, geb., 22,90 €.

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