Von Gunnar Decker
10.05.2012

Der schöne Schein

Das Hochzeitsvideo von Sönke Wortmann

Sönke Wortmann ist Experte darin, durchschnittliche Mainstreamprodukte mit einem Maximum an Charme auszustatten. Das hilft, ein gewisses Gefühl der Peinlichkeit zu unterdrücken, das sich angesichts der von ihm bevorzugten Geschichten einzustellen droht, siehe »Der bewegte Mann«; »Das Superweib«, »Das Wunder von Bern« oder »Die Päpstin«. Alles auf den kommerziellen Erfolg hin kalkulierte Filmprodukte, bei denen man sich fragt, warum dann trotzdem so zahlreich Fördergelder fließen - vom Deutschen Filmförderfonds bis zum Medienboard Berlin-Brandenburg. Immer dahin, wo ohnehin die größte Aufmerksamkeit zu vermuten ist? Förderung der Filmkunst stelle ich mir anders vor.

Wie gesagt, Wortmann ist routiniert, er liefert pünktlich und in solider Qualität. Reicht das denn? Wenn es nach Constantin-Film geht, dann sollte »Das Hochzeitsvideo« nicht kritisiert, sondern beworben werden. Da werden dann gleich die Stichworte geliefert. Hier also handelt es sich laut Filmproduktion um die »neue Komödie« von Sönke Wortmann, die ebenso »sauwitzig« wie »zum Brüllen komisch« sei. Nun, so neu ist der neue Film dann doch nicht, auf dem Filmplakat heißt es, dies sei die »längst überfällige Antwort auf ›Hangover‹ und ›Brautalarm‹« - wer beide Filme nicht kennt, der gehört nicht zur Zielgruppe.

Doch, doch »Das Hochzeitsvideo« wird seine Produktionskosten einspielen und einiges mehr, garantiert. Er ist ja auch kein richtig schlechter Film, ein richtig guter allerdings auch nicht. Diese Unentschiedenheit gehört zum kalkulierten Erfolg. Die Geschichte: Sebastian und Pia, beide vermutlich Ende zwanzig, haben sich verliebt und wollen nun den »romantischsten aller Träume Wirklichkeit werden lassen« (O-Ton Filmverleih). Der romantischste aller Träume ist, so wird hier unterstellt, zu heiraten. Was dann doch nicht ganz so romantisch ist. Denn Sebastian kommt aus einer Bilderbuch-Aristokratenfamilie und Pia aus dem eher alternativen Milieu. Es gibt einen Junggesellenabschied mit Hindernissen nicht nur alkoholischer Art, einen Polterabend und eine Hochzeit in der Kirche, bei der das Brautpaar nie vollzählig versammelt ist oder, wenn doch, sich unpassend unentschlossen zeigt. Zudem ist der Ex-Freund von Pia in dem extra angemieteten Schlosshotel aufgetaucht, er hat als »Carlos die Keule« im Pornofilm Karriere gemacht. Das ungefähr ist das Personal dieser etwas anderen Art von »Reifeprüfung«, die wie eine Fortsetzung von »Natürlich blond« wirkt.

Aber ganz so platt und ausrechenbar geht »Das Hochzeitsvideo« dann nicht über den Kinoladentisch - denn Wortmann und sein Drehbuchautor Gernot Gricksch haben eine Falle eingebaut, an der man sich durchaus freuen kann: ein permanenter Film im Film. Die ganze Hochzeitsvorbereitungszeremonie soll von Hobbyfilmer Daniel dokumentiert werden - und da kommt dann die zweite Ebene hinein und die ist tatsächlich auf mitunter sogar intelligente Weise lustig. Zudem arbeitet Wortmann immer mit hervorragenden Schauspielern, die diese Art gehobenen Boulevard auch präzise und mit sicherem Rhythmus spielen können wie hier Lisa Bitter, Marian Kindermann, Stefan Ruppe, Martin Aselmann oder Lucie Heinze. Wie heißt es an anderer Stelle so treffend: Ich möchte keinem Club angehören, der solche wie mich aufnimmt. Der Zirkelschluss unseres andauernden Kampfes um Anerkennung. Nur die eigene Familie nimmt einen so, wie man ist: Aber das ist eigentlich noch viel schlimmer. Zumal, wenn bei einer Heirat zwei Familien mit ungetrübt kritischem Blick aufeinanderprallen.

Was anfangs als reiner Spaß gedacht war, ein Hochzeitsvideo zu drehen, verwandelt sich nach und nach in einen Fluch. Denn die Kamera ist immer da, wo sie nicht sein soll, wo es gar nicht romantisch ist. Sie fängt Bilder und Töne ein, die niemand von sich aufbewahren oder auf Youtube oder Facebook je sehen möchte. Die Kamera wird zum gefährlichen Zeugen, der zu viel von dem weiß, was hinter den Hochzeitskulissen so vor sich geht. Da werden dann auch die Dialoge bissig und in der beschworenen Harmonie öffnet sich erst zaghaft und vorsichtig, dann unabweisbar ein Abgrund an Missgunst und Lüge, an Vorurteil und Verrat. Heile Welt ist eben nirgends - nicht einmal bei Sönke Wortmann.