12.05.2012
10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Eine gar nicht lustige Bootsfahrt

Von meinem Großvater erbte ich eine unbändige Reiselust, die ich an meine Tochter und die zwei Enkelinnen weitergegeben habe. Das äußert sich u. a. darin, dass Enkelin Elke von ihren Mitschülern den Spitznamen »Dawarichschon« erhalten hat. Im Geografieunterricht konnte eine beliebige Region oder Stadt Europas behandelt werden, Elke war schon da.

Seit Mitte der 60er Jahre besaßen wir dank Marie-Luises Arbeit in einem chemischen Großbetrieb einen Trabant. Die Wartezeit für den Normalbürger auf einen PKW betrug am Ende der DDR je nach Fahrzeugtyp 14 Jahre und länger. Ich habe deshalb nicht nur Anmeldungen für meine Frau und mich beim staatlichen Autohandel abgegeben. Anfang der 60er Jahre ließ ich meine über 70 Jahre alte Schwiegermutter in die Warteliste aufnehmen, die gar nicht wusste wie ein Führerschein aussieht, und wenig später meine Tochter unmittelbar nach ihrer Geburt. Den registrierten Antrag für das Baby erhielt ich ohne Rückfragen zugeschickt. Auf die Art hat meine geschäftstüchtige Frau gegen Ende der 80er Jahre einen nagelneuen Trabant mit einem Gewinn von über 100 Prozent verkauft. Mit dem mobilen Untersatz konnten wir sämtliche Urlaubsziele in der Republik und in den Ostblockländern relativ bequem ansteuern.

1974 genehmigte die Gewerkschaft unserer Familie einen FDGB-Platz in Mirow am Rande der Mecklenburger Seenplatte. Meine Tochter angelte damals begeistert, und deshalb hatten wir das nötige Zubehör im Gepäck verstaut. Eitel Freude brach aus, als ein Bootssteg auf dem Urlaubsgrundstück gesichtet wurde, auf dem bereits eine Kette von Angelhaken mit Ködern ausgelegt war. Flugs präparierten wir Gundels Angelrute und legten sie neben die anderen Angelhaken in der Hoffnung aus, uns an dem Fischreichtum angemessen zu beteiligen.

Aber wir hatten die Rechnung ohne unsere unfreundlichen Gastgeber gemacht. Der etwa 12-jährige Sohn verpetzte uns bei seinem Vater, der offenbar nur einen Anlass suchte, seinen Unmut an uns auszulassen. Es ist möglich, dass die Gastgeberfamilie nicht freiwillig zugewiesene Gäste aufnahm, sondern wir als FDGB-Urlauber als Zwangseinweisung empfunden wurden. Der Vater beschimpfte lautstark meine zehnjährige erschrockene Tochter, als habe sie ihm seine Geldbörse gestohlen.

Nachdem ich die Situation von unserem Fenster aus überblickt hatte, stürzte ich die Treppe hinunter und baute mich vor dem Tobenden auf. Ohne mich auf eine Diskussion einzulassen, drohte ich ihm Prügel an, wenn er nicht sofort meine Tochter in Ruhe lasse. Ob den Aufgebrachten die imposante Erscheinung eines zu allem entschlossenen, sportlich gestählten 40-Jährigen oder die beschwichtigende Rede der Hausfrau beruhigten, blieb unklar. Jedenfalls eskalierte die Situation nicht. Nachdem er abgezogen war, beseitigten wir, um des lieben Friedens willen, den Stein des Anstoßes, die Angelrute, und benutzten sie nur noch auf den Fahrten mit einem Ruderboot.

Unweit unseres Quartiers befand sich eine Ausleihstelle für Boote. Da ich den Führerschein für Motorboote gerade erworben hatte bekamen wir anstandslos ein aufgetanktes Motorboot. Mit ihm tuckerten wir über eine Schleuse auf die Müritz, den zweitgrößten See Deutschlands. Uns Landratten machte es Spaß mit Vollgas dahinzugleiten, wenn wir auch nicht annähernd die Geschwindigkeit eines Schnellbootes erreichten.

Ehe wir drei uns versahen, befanden wir uns mitten auf dem See, und das Ufer entschwand in weiter Ferne. Als Wind aufkam, gab der Motor plötzlich den Geist auf und ließ sich nicht wieder in Gang setzen. Weit und breit kein Schiff oder Boot, und das bei der Ausfahrt ruhige und glatte Wasser verwandelte sich zuerst in eine leichte Dünung, die alsbald in einen mittleren Wellengang überging.

Zur Beruhigung meines Nervenkostüms trug keinesfalls die aufgenommene Information bei, dass jedes Jahr auf der Müritz Unfälle mit Todesfolge passieren. Obwohl wir Ruder an Bord hatten, war eine Rückfahrt per Muskelkraft - in Anbetracht der großen Entfernung vom Ufer - ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Während mir in Wirklichkeit die Muffe ging, musste ich gegenüber meinen beiden Gefährten den kühlen, souveränen Bootsführer markieren. Das führerlos dahintreibende Boot wurde immer mehr zum Spielball der Wellen. Mein vorgegaukelter Optimismus konnte die Insassen nicht mehr lange über den Ernst der Lage täuschen. Ein gütiges Schicksal erhörte meine heimlichen Stoßgebete. Etwa beim 375. Versuch sprang der Motor endlich wieder an, und wir erreichten die rettende Schleuse. Hier stellte ich vorschriftswidrig den Motor nicht ab, kam jedoch mit einem bösen Blick des Schleusenwärters davon. Der letzte Teil des Ausflugs war ein Kinderspiel. Aber eine Fahrt mit dem Motorboot habe ich seit diesem Erlebnis nie wieder unternommen.

Bernhard Schulze

04207 Leipzig

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken