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Von Gunnar Decker
14.05.2012

Magie trifft Ökonomie

Theatertreffen: Thalia Theater Hamburg: »Faust 1 + 2« von Nicolas Stemann

Rollenspiele. Wer ist wer? Faust und Mephisto wissen ohnehin immer nur im Spiegel ihres Gegenübers, wer sie möglicherweise gerade sind (Persönlichkeit ist auch nur eine Frage des Aggregatzustands) - nun aber gerät auch noch Gretchen in den Strudel: Mal ist sie die Verführte, mal der Verführer. Faust mit seinem weiblichen alter ego im Selbstgespräch. Das ist eines der Hauptmotive in Nicolas Stemanns Hamburger Faust-Inszenierung: Wo ende ich und beginnt ein anderer? Identität scheint in Zeiten multimedialer Bilderlabyrinthe ebenso brüchig wie fließend geworden zu sein. Goethes »Faust«, so sagt Stemann, sei ein einziger großer innerer Monolog.

Schon seltsam, wie viel von unserer Gegenwart Goethe vorwegnimmt. »Faust« ist das Spiegelbild einer sich kapitalisierenden Gesellschaft im 19.Jahrhundert. Glück ist käuflich, bei jedem Handel, der beschlossen wird, ist der Teufel dabei. Es geht um die Magie des Geldes als treibender Kraft in der kapitalistischen Gesellschaft. Da wird das Wertgesetz universal, und an die Stelle des Goldes tritt das Geld: ein abstraktes Maß, an dem alles Lebendige gemessen wird. Ist es des Teufels? Vielleicht, aber dieser Teufel ist ein Dialektiker, ein Verwandler - ob er dabei, das Böse wollend, doch das Gute schafft, sei dahingestellt. Aber er befreit von allen allzu persönlichen Abhängigkeiten - alle hängen sie nun am Gelde, das ist besser, als auf einen gnädigen Herrn zu hoffen. Mit Geld kann man rechnen, mit der Moral der Mächtigen nicht, das zeigt der Feudalstaat, aber auch die Geschichte des Sozialismus.

Gesucht wird eine anmutige Gegend! Schon der Klassik-Fan Walter Ulbricht stellte sich die DDR als »Faust 3« vor, gleichsam als Vollzug der Neulandvision des zweiten Teils unter sozialistischen Bedingungen. Irgendwie hat er Recht gehabt - wenn auch anders als ausgemalt. Denn die Angstvision einer »öden Gegend« begleitet Faustens Reise von der kleinen in die große Welt. Nicolas Stemann nimmt »Faust« als geopolitische Skizze wie als intimes Protokoll des Versagens jeglicher Ziel-Mittel-Dialektik. Der positiven Pointe alles Negativen (Mephisto!) ist von Anfang an nicht zu trauen - und in Nicolas Stemanns Inszenierung erfahren wir auch, warum. Aus dem Scherbenhaufen der Aufklärungsgeschichte lässt sich kein neues Gefäß mehr zusammenfügen. Es bleiben uns nur Bruchstücke, es fehlt der verbindende Zauber. Im zweiten Teil des Faust findet sich alles gesagt, was über das Geld zu sagen ist.

Auf hinreißend poetische Weise rücksichtslos ist das Tempo dieser beiden Faust-Teile. Über acht Stunden, das scheint lang - aber es verblüfft mit konzentrierter Hochbeschleunigung. Da treffen zwei Zeitmaße aufeinander. Stemann tritt auf die Bremse und das Gaspedal zugleich - das Ergebnis ist Intensität, wie sie aus einer Konfrontation erwächst, die nichts Äußerliches hat. Das ist voll hoffnungsvoller Kälte und trauriger Hochgestimmtheit. Dafür braucht man Schauspieler, die nicht über, sondern auf Grenzen gehen. Die auf revolutionäre Weise traditionell sind, weil sie wissen, dass Sprache eine Wirklichkeit ist, die man sprechend zugleich schöpft und sich ihr ausliefert. Da folgt ein Ensemble seinem Regisseur durch jeden surrealen Zeitenwirbel, durch alle Höhen und Tiefen experimenteller Dramaturgie, aber immer auf frappierende Weise ganz dicht am Text. Texttreu jedoch auf subversive Weise , nicht am Buchstaben hängend, sondern am Wort. Das offenbart sich hier als ein Mittel der weltschöpfenden Magie.

Transitbewegungen zwischen den oszillierenden Sphären von Innen und Außen sind dabei das Arbeitsfeld der Schauspieler, die kunstvoll alle Kunst vermeiden - und den Möglichkeitskern in aller Wirklichkeit offenlegen. Philipp Hochmair und Sebastian Rudolph, Faust und Mephisto, durcheilen in gleitender Identität beide Teile: eine frappierende Hochenergieleistung. Patrycia Ziolkowska spielt in einer Szene von »Faust 1« problemlos Gretchen und Faust, tritt uns im »Faust 2« als »Mädchen vom Strande« entgegen - als eine mit Händen zu greifende Fata Morgana. In Bann schlagend, jede Sekunde. Stemann inszeniert anmutvoll-befremdend eine Reise ins Paradox, die nur ein Ziel kennt: Heimkehr in den Schoß. Die größte aller Zumutungen der modernen, also arbeitsteilig-differenzierten Welt erspart uns Goethe ebenfalls nicht: Es wird unübersichtlich, in der Welt und in den Textmassen des zweiten Teils.

Dabei wird eines klar: Unsere menschliche Natur ist von Goethe bereits als künstlich erkannt worden. Homunculus, der künstliche Mensch (diese Hybris unseres aufklärerischen Machbarkeitswahns) steckt in uns von Geburt an. Wir leben, wenn wir uns zivilisieren, immer gegen unsere natürlichen Anlagen an - und hoffen, dass in der Zukunft (so die Utopie) eine Art zweiter Natur entsteht, die nicht gleichbedeutend mit Entfremdung und Selbstzerstörung ist.

Doch diese Reise - das zeigt Stemann in seiner Inszenierung - ist lang und voller Gefahren. Die größte der Gefahren sah Goethe auch, wenn er den blinden, sterbenden Faust sich über sich selbst täuschen lässt. Nicht Menschen bauen Kanäle, sondern Lemuren schaufeln sein Grab! Er ist das Opfer einer Halluzination, glaubt die Erfüllung seines Traums ausgerechnet im Moment der Zerstörung aller seiner Illusionen erreicht. Worüber aber täuschte sich der Goethe-Enthusiast Ulbricht mit seiner Rede vom Sozialismus als »Faust 3«?

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