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Von Thomas Mell, Tallinn
15.05.2012

Die Esten sagen dem Müll den Kampf an

In knapp hundert Ländern wird in diesem Jahr die Umwelt entrümpelt

Eine internationale Kampagne versucht, Menschen dazu zu bewegen, den Müll in der eigenen Umgebung zu beseitigen. Wer hat‘s erfunden? Die Esten.

Am Anfang war die Idee. Als ein Grüppchen estnischer Umweltaktivisten vor knapp fünf Jahren in einem Tallinner Café auf den verrückten Gedanken kam, den allerorts verstreuten illegalen Mülldeponien an einem einzigen Tag den Kampf anzusagen, konnte noch keiner erahnen, dass die Idee einmal in der ganzen Welt Nachahmer finden wird.

Doch »Teema Ära!« (»Lass es uns tun!«), wie die Kampagne damals getauft wurde, lockte 2008 an einem sonnigen Maisonnabend etwa 50 000 Menschen - fast vier Prozent der estnischen Bevölkerung - an die Straßenränder, in die Wälder oder an die Strände der kleinen Ostsee-Republik, um alte Autoreifen oder verrostete Kühlschränke aus der Natur zu beseitigen.

Nun wird in diesem Jahr versucht, das kollektive Säubern der ganzen Welt schmackhaft zu machen. »Es geht darum, ob man ein globales Problem nicht durch Regierungen, sondern durch reale Zusammenarbeit der Menschen lösen kann«, sagt Tiina Urm, die PR-Managerin der Kampagne mit dem wohlklingenden und ambitionierten Namen »World Cleanup 2012«. Besonders das Wort »Zivilgesellschaft« fällt bei ihr erkennbar oft.

Bisher haben Vertreter aus 94 Ländern zugesagt. Jedes der nationalen Teams hat einen Tag zwischen März (den Anfang machten Slowenien und Portugal) und Oktober (Mazedonien) bestimmt, wann der rücksichtslos entsorgte Unrat beseitigt werden soll. Auch Deutschland beteiligt sich, hier findet der Aktionstag am 21. September statt. Dabei wird die Kampagne den landestypischen Umständen angepasst. »Jedes Land muss seinen eigenen Weg zum Ablauf dieses Aktionstages entwickeln, aber natürlich tauscht man sich über die Grenzen hinweg aus,« sagt Uwe Hentschel, einer der deutschen Initiatoren.

Im Mittelpunkt der weltweiten Aktion steht das Koordinationsteam, das inzwischen auf 240 Mitglieder angewachsen ist. Nur jeder Sechste kommt nicht aus Estland. Gerade die Estinnen scheinen in der Schaltzentrale federführend zu wirken. Nach eigenen Angaben belaufen sich die Kosten des Programms auf 1,1 Millionen Euro, die zur Hälfte von Dienstleistungen oder Waren diverser Unternehmen gedeckt werden.

Eine entscheidende Rolle spielt die moderne Technik. Es braucht ein Smartphone und ein paar Minuten Zeit, um die wilden Müllhalden zu fotografieren und die räumlichen Koordinaten samt einer Kurzbeschreibung auf die »Weltkarte des Mülls« zu laden. Die entsprechende Software wurde vom estnischen IT-Fachmann Ahti Heinla, Co-Architekt des kostenlosen Internet-Telefons Skype, entwickelt. Anhand der gesammelten Daten sollen die Freiwilligen dann an ihre Einsatzorte gelenkt werden.

Wie erfolgreich das ehrgeizige Vorhaben sein wird, ist ungewiss. Doch der Grundgedanke ist der Mut, um von einer Idee zur Tat zu schreiten. Die estnischen Initiatoren erinnern gerne an den schweren Anfang. »So etwas hatte es nie zuvor gegeben und wir hatten keinen blassen Schimmer, wie wir es machen sollen«, sagt einer der Impulsgeber, der Unternehmer Rainer Nõlvak, in einem Youtube-Video, das jetzt Grenzen übergreifend für das Großreinemachen begeistern soll.

Und die Esten selbst? Sie räumten wieder am vorletzten Sonnabend auf. Doch inzwischen bäckt man kleinere Brötchen und verabschiedete sich von der anfänglichen Idee eines landesweiten Großreinemachens. Stattdessen ist die Gestaltung des gemeinsamen Einsatztages Freundeskreisen, Betrieben oder Nachbarschaften überlassen. »Niemandem wird mehr vorgeschrieben, was in diesen Jahr getan werden soll, sondern die Leute entscheiden vor Ort, was ihnen wichtig ist und was getan werden soll«, sagt Erkki Peetsalu vom estnischen Koordinationsteam. Auf der Website des Projekts wurden über tausend Vorschläge gemacht. Jeder Interessierte konnte sich auf der interaktiven Estland-Karte seine Tagesaufgabe aussuchen. Zum Beispiel auf den idyllischen Inseln typische Steinmauern erneuern oder mit den Nachbarn den heimischen Keller säubern.

Ein Hauch nationale Romantik ist da nicht zu verkennen. »Die kollektive Arbeit ist in Estland seit Jahrhunderten bekannt«, erklärt Erkki Peetsalu den Begriff »Talgud«. »Diese alte Tradition des gemeinsamen Tuns - und Vergnügens - wird nun wieder ins Leben gerufen.«

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