Von Alexander Ludewig
15.05.2012

Schwindender Respekt

Hertha BSC kämpft vor dem Rückspiel in Düsseldorf vor allem mit sich selbst

Otto Rehhagel versteht die Welt nicht mehr, zumindest die Berliner. Wen es denn in der Hauptstadt überhaupt interessiere, wann er in den Urlaub fahre, fragte der Trainer von Hertha BSC. Ziemlich viele. Wohin, ist denen, die mit dem Berliner Bundesligisten in dieser Saison mitgezittert und ihn unterstützt haben wohl noch egal. Aber wann, und vor allem wie?

Nach der 1:2-Niederlage am vergangenen Donnerstag im Relegationshinspiel gegen den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf hatte Rehhagel all jene brüskiert, die trotz desaströser Darbietungen der Fußballer die Hoffnung mit ihrem Herzblut am Leben gehalten haben. »Für mich?« Er staunte über die Frage, was der mögliche Abstieg heute nach dem Rückspiel in Düsseldorf für ihn bedeuten würde. Scheinbar gar nichts: »Wenn das am Dienstag vorbei ist, bin ich weg und fahre in den Urlaub.«

Es war nicht der erste Beweis einer merkwürdigen Teilnahmslosigkeit Rehhagels am Schicksal der Hertha und seiner gut bezahlten Aufgabe, sie zu retten - aber der schärfste. Die Wirkung seiner Worte, ob er es sich nun vorstellen kann oder nicht, ist fatal. In einer Situation, in der es für den Verein laut Manager Michael Preetz »um alles geht«, hat sich Rehhagel noch weiter von der Mannschaft entfernt, als es zuvor in der Zweckgemeinschaft schon der Fall war. Zu weit scheinbar. Verunsichert und im Gefühl der Führungslosigkeit greifen die Spieler nicht gemeinsam und entschlossen nach dem letzten Strohhalm, sondern sich gegenseitig an den Kragen. Eine handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Änis Ben-Hatira und Christian Lell während des Trainings konnten erst die umstehenden Kollegen beenden.

Preetz versuchte, das Gerangel wohlwollend umzudeuten. Die Stimmung sei kämpferisch. Dass sich Lell aber auch noch mit dem Trainerstab lautstark gezofft hatte, zeigt, dass der Respekt vor der sportlichen Führung geschwunden ist. Dazu gehört Rehhagel, dessen sportliche Bilanz ernüchternd ist. Dazu gehört auch der Manager. »Wir hatten 60 Minuten eine gute Ausgangsposition in der Hand, aber sind durch eine Einzelaktion aus dem Tritt gekommen«, beschrieb Preetz das Hinspiel auf seine eigene, typische Art.

Das jedoch ist Augenwischerei statt klare Fehleranalyse, wie zumeist schon in dieser Saison. Hertha BSC war im Heimspiel gegen den Zweitligisten Düsseldorf nicht in der Lage, klare Chancen herauszuspielen. Das einzige Tor gelang nach einer Standardsituation. Und zur Einzelaktion des Düsseldorfers Thomas Bröker, die zum Ausgleich geführt hatte, gehörten mindestens drei schwache Hertha-Verteidiger.

Für die Berliner Spieler ist es eine bequeme Situation. Sie können sich hinter verordneten Floskeln und den Verantwortlichen verstecken. »Wir haben alle drei Tore selbst gemacht«, sagte Lell, »Düsseldorf ist nicht klar besser als wir.« Letzteres stimmt, aber die Fortuna kämpft für ein gemeinsames Ziel auch gemeinsam.

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