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Jürgen Reents
17.05.2012

Verlorene Werte

Die LINKE hat ein Problem mit ihrem Lebenswandel als Partei

Vor einem guten halben Jahr stimmten 97 Prozent der Delegierten auf dem Erfurter Parteitag der LINKEN dem Grundsatzprogramm der Partei zu. Der anschließende Mitgliederentscheid bestätigte dieses Votum – wenn auch bei mäßiger Beteiligung – nahezu identisch. Mal unterstellt, dass dieses hohe Maß an programmatischer Einigkeit ehrlich war: Worauf gründet eigentlich die schroffe Konfrontation, die in die Partei eingezogen ist? Um die politische Substanz kann es dabei dann wohl kaum gehen.

In der Präambel des linken Grundsatzprogramms steht wie von einem Bildhauer gemeißelt der schöne Satz: »Wir haben uns zusammengeschlossen zu einer politischen Kraft, die für Freiheit und Gleichheit steht, konsequent für Frieden kämpft, demokratisch und sozial ist, ökologisch und feministisch, offen und plural, streitbar und tolerant.« Von den letzten vier Attributen dieses Selbstverständnisses, die den programmatischen Grundpfeilern folgen, sind große Teile der Partei weit entfernt. Sie agieren nicht offen, sondern mit verschränkten Armen; sie sind nicht plural, sondern in Strömungen verfeindet; sie zeigen sich nicht streitbar, sondern zum argumentativen Disput unwillig, nicht tolerant, sondern höchst unduldsam mit anderen Auffassungen. Daseinszweck und Daseinsanspruch der LINKEN sind nicht die unzertrennliche Parteifigur geworden, die der zitierte Satz vorgibt.

Dies ist es, was Sympathisanten und Wähler merken – und »abstrafen«. Das Dilemma ist nicht, dass wegen der Finanzkrise die Angst vorm Experiment grassiert und die »Wahrheiten« der LINKEN nur nicht begriffen werden. Gegenüber den Untiefen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung hat sich die Skepsis nicht verringert, die Unzufriedenheit mit den sozial ungerechten Regierungsrezepten allen Umfragen zufolge ebensowenig. Die LINKE leidet auch nicht daran, dass andere – Sozialdemokraten, Grüne, Piraten – ihr Themen und Stimmen »klauen« (vom merkwürdigen Eigentumsvorbehalt ganz abgesehen). Beides verlautet jedoch aus den obersten Etagen der Partei. Die Angelegenheit ist viel bitterer: Die LINKE hat unmittelbar nach der Bundestagswahl im Oktober 2009, bei der sie rund 12 Prozent erzielte, auf eigenen Antrieb hin abrupt aufgehört, sich als Sympathieträger für diejenigen zu benehmen, die viel Hoffnung in sie setzten. Sie hat ihr Umfeld und ihre Wählerschaft entmutigt. Die LINKE hat weniger ein Problem mit ihren politischen Zielen und Konzepten (die freilich immer verfeinert und aktualisiert werden müssen) als mit ihrer politischen Biographie, ihrem »Lebenswandel« als Partei.

Ob Menschen einer Partei Vertrauen entgegenbringen oder entziehen, entscheiden sie an deren Glaubwürdigkeit insgesamt. Der Vorwurf von vielen, die der LINKEN in den letzten zwei Jahren ihr Vertrauen entzogen haben, ist nicht, dass ihnen deren Forderungen suspekt seien. Es ist die Partei, die ihnen suspekt geworden ist, ihre Neigung zum Fehltreten, ihre boshaften Debatten. Damit büßt sie auch an Gebrauchswert für den Alltag der Menschen ein.

Worin besteht eine gute Debattenkultur? Es ist die rationale Suche nach dem Viertel (oder mehr, oder weniger) Richtigem im Argument des Gegenüber. Nur dann lässt sich auch das erschüttern, was nicht überzeugt. Das misslingt der LINKEN schon in den eigenen Reihen. Wenn der Partei wirklich daran liegt, eine weitere Erosion ihres politischen Einflusses aufzuhalten, dann muss sie die Debatte über ihre Führungskrise mit dem Bemühen verbinden, die inneren Werte wieder zu finden und zu beleben, die sie laut ihrem eigenen Programm verkörpern will.

5 Kommentare

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  • xy / 17. Mai 2012 15:40

    zustimmung

    danke. folgender rundfunkausschnitt des dlf von 1987 (!) zeigt für mich deutlich das problem, dem die linken immer wieder erliegen. Luhmann war Soziologe.

    "van Rossum: Herr Luhmann, anfangs klang eine Kritik am Intellektuellen an. Sie sagten, das ist jemand, zu dem Sie deshalb nicht unbedingt gezählt werden möchten, weil das Leute sind, die sich eben oft so benehmen, als ob sie wüssten, wo es lang ging. Und dazu gehörten Sie nicht und wollten Sie nicht zugehören.

    Niklas Luhmann: Diejenigen, die wissen, wo es lang geht, die wissen, was der Fall ist, und die damit die Ansicht verbinden, das sei der Zugang zu der Realität, wo andere dann ebenfalls folgen oder zuhören oder die Autorität annehmen müssten - das ist, glaube ich, eine auch veraltete Mentalität, die in unserer Gesellschaft einfach nicht mehr adäquat ist. Wir haben verschiedene Weisen, Gesellschaft-Welt-Verhältnisse zu beobachten, die nicht auf einen Nenner reduzierbar sind. Es gibt einen sehr schönen Text von William James, "On a certain blindness in human beings", ein Vortrag vor Studenten, wo er sagt: Jeder ist Beobachter, jeder sieht mit größter Schärfe und viel besser als irgendjemand anderer etwas, aber er braucht einen blinden Fleck."

    die linke schwärmt von intellektualität doch pluralität, dem menschen eigen, würdigt den anderen als unhintergehbar anderen. oder eben: blinde flecken sind notwendig, um weiter leben zu können. wir brauchen keine "bescheidwisser-kultur" sondern eine "frage-kultur". solange die linke das nicht hinbekommt, führt aller streit zur zerlegung.

  • hans1949 / 17. Mai 2012 19:13

    Verlorene Werte

    Soviel allgemeines Bla, Bla könnte von Bartsch, Bockhan usw. stammen.

    Nicht lesenswert !

  • Solidaritaet / 17. Mai 2012 19:50

    Das, Herr Reents, ist eine erfrischend zutreffende Analyse. Der Linken - auch

    wenn ich sie nicht wähle - sind viel mehr verantwortungsbewusste Menschen zu wünschen - jedenfalls damit Deutschland eine ernstzunehmende Linke bekommt.

  • Zbig / 17. Mai 2012 21:23

    Zustimmung

    Lieber Herr Reents, ich predige das seit Jahren. Wer eine solidarische Gesellschaft bauen will, muss an sich selbst strengere Maßstäbe anlegen, als dies in anderen Parteien nötig wäre. Das ist schwer, muss aber immer Richtschnur bleiben. Allerdings gehört auch die Berücksichtigung der Charakterfrage für die Auswahl von Verantwortungsträgern dazu. Dies scheint mir eher selten der Fall zu sein.

  • Ani-metaber / 19. Mai 2012 14:03

    Re: Verlorene Werte

    also "boshafte Debatten" geführt zu haben, habe ich von wem auch immer noch nicht eingestanden erhalten.

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