Von Hermannus Pfeiffer
18.05.2012

Goldrausch an der Börse

Facebook ist 100 Milliarden Dollar wert – es fehlt ein nachhaltiges Geschäftsmodell

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg beschert sich kurz nach seinem 28. Geburtstag mit dem Börsengang ein nachträgliches Milliardengeschenk. Doch Analysten warnen, es fehle ein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Die Gerüchteküche brodelte vor dem rekordverdächtigen Börsengang, der heute über die Bühne gehen soll. Kleinanleger und Investoren rissen sich angeblich um die Papiere des weltgrößten »sozialen« Netzwerkes, und der Börsengang war vorzeitig überzeichnet, berichteten Finanzmedien. Angesichts weniger Börsengänge seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007, setzt auch die Wall Street Hoffnungen in den jugendlichen Aktienstar.

Ob nun als Reklamegag oder um die hohe Nachfrage abzuschöpfen: Facebook hob die Preisspanne von 28 bis 35 Dollar auf 34 bis 38 Dollar pro Anteilsschein an. Der endgültige Preis sollte erst kurz vor dem Börsengang festgelegt werden, laut dem US-Sender CNBC könnten es maximal 45 Dollar werden. Damit ist der Konzern mehr als 100 Milliarden Dollar wert – weit mehr als Hauptkonkurrent Google, der mit dem zehnfachen Umsatz gesegnet ist.

Angesichts des großen Interesses erhöhte Facebook am Mittwoch auch die Zahl der angebotenen Aktien um 25 Prozent. Statt 337 Millionen Aktien sollen nun rund 421 Millionen Anteilsscheine ausgegeben werden. Der Börsengang (IPO) dürfte Facebook bis zu 16 Milliarden Dollar bringen. Nach Abzug der Kosten für Banken und Finanzdienstleister, die den Goldrausch-IPO abwickeln, verbleiben den Facebook-Eignern dann etwa zehn Milliarden Dollar.

Mit dem Börsenprospekt hatte Facebook erstmals Einblicke in seine Geschäftszahlen geben müssen. Und die sind beeindruckend: Die Firma erzielte 2011 bei einem 3,8-Milliarden-Dollar-Umsatz einen Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar. Der Dank gebührt den Fans. Die angeblich 900 Millionen Nutzer locken die Wirtschaft an, die für jeden Werbeklick einen Betrag an Facebook überweist.

Aber was sind die Nutzer wirklich wert?, fragen sich Branchenbeobachter; und: Ist der Erfolg nur eine kurzlebige Modeerscheinung? »Der mediale Erfolg von Facebook darf uns nicht dazu verführen, an den Erfolg der Aktie zu glauben«, schrieb das »Handelsblatt«. In Wahrheit stehe Facebook auf wackeligen Füßen: Pro Benutzer wurden im letzten Quartal nur 1,21 Dollar umgesetzt. Kürzlich räumte selbst Facebook ein, dass die vielen Nutzer, die von Smartphones und Tablet-Computern auf das Netzwerk zugreifen, wenig Umsatz brächten. Dabei nutzen inzwischen die meisten Mitglieder das Angebot von mobilen Geräten aus.

Um sich wetterfester zu machen, investierte Facebook schon vor dem Börsengang fast zwei Milliarden Dollar. Konzerngründer Mark Zuckerberg kaufte den Bilderdienst Instagram und erwarb Hunderte Patente von Microsoft. Zudem wurden die Ausgaben für Werbung und Marketing auf 159 Millionen Dollar mehr als verdoppelt. Die Beschäftigten wurden mit üppigen Boni von 100 Millionen Dollar versorgt.

Das Kursabenteuer erinnert an die Internetblase zur Jahrtausendwende. Als die Blase im März 2000 platzte, krachten die Börsen, es gingen Tausende Jobs unter und die Ex-Bosse lachten sich ins Fäustchen: Sie hatten durch die Börsengänge ausreichend Kasse gemacht. Auch Zuckerberg & Co. werden notfalls ihre Schäflein im Trockenen haben.

Zahlen und Fakten

Wäre Facebook ein Land, wäre es das bevölkerungsreichste nach China und Indien. Mehr als 900 Millionen aktive Nutzer, die sich binnen 30 Tagen mindestens einmal einloggen, hat das soziale Netzwerk nach eigenen Angaben. Durchschnittlich 520 Millionen Nutzer besuchen täglich die Webseite, das sind 41 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Verbreitung: Das Netzwerk gibt es in über 70 Sprachen. Besonders eifrig wird es in den USA genutzt, wo 157 Millionen Mitglieder leben. Indien zählt 45,9 Millionen Nutzer, Brasilien 45,3 Millionen und Indonesien 42,4 Millionen. Facebook ist in fast allen Ländern das beliebteste Online-Netzwerk, Ausnahmen sind Polen, Russland und China, das den Zugang gesperrt hat.

Deutschland: Mit 23,5 Millionen Nutzern liegt Deutschland in der weltweiten Facebook-Liga auf dem zehnten Rang. Mehr als die Hälfte der deutschen Nutzer ist zwischen 18 und 34 Jahren alt. Die Zentrale ist in Hamburg.

Netzwerk: Der durchschnittliche Nutzer ist über Facebook mit 130 »Freunden« verbunden, 125 Milliarden Freundschaftsbeziehungen werden insgesamt gepflegt. Täglich werden 300 Millionen Fotos auf die Profilseiten hochgeladen.

Mitarbeiter: Mehr als 3500 Menschen arbeiten bei dem Unternehmen, in diesem Jahr sollen tausende neu eingestellt werden. Geschäftsführerin Sheryl Sandberg verdiente 2011 rund 30,9 Millionen Dollar, hauptsächlich in Aktien. AFP/nd

Wer kriegt das Geld?

Rund zehn Milliarden Dollar werden die bisherigen Facebook-Eigentümer beim Börsengang erlösen. Wer kriegt was?

Der Krösus: Mark Zuckerberg, der als 19-Jähriger an der US-Eliteuni Harvard das soziale Netzwerk schuf, wird auch nach dem Börsengang fast 60 Prozent der Stimmrechte kontrollieren. Ihm gehören 533 Millionen Aktien an Facebook, von denen er 30 Millionen beim Börsengang verkaufen will, um seine Steuern zu bezahlen. Sein verbleibender Anteil wäre einen zweistelligen Milliardenbetrag wert.

Mitgründer: Dustin Moskovitz, Zuckerbergs Zimmergenosse im Studentenwohnheim in Harvard, brachte Facebook mit auf den Weg. Einer Mitteilung von Facebook an die US-Börsenaufsicht zufolge besitzt er 133 Millionen Aktien. Die beiden anderen Mitgründer Eduardo Saverin und Chris Hughes dürften ebenfalls ordentlich absahnen. Die Webseite »Who owns Facebook?« schätzt Saverins Anteil auf 3,4 Milliarden Dollar und Hughes' Aktienpaket auf 850 Millionen. Saverin gab seine US-Staatsbürgerschaft auf und siedelte ins Steuerparadies Singapur über.

Mentor: Sean Parker hatte Ende der 90er die Musiktauschbörse Napster mitgegründet. Als Facebook 2004 von der Ostküste ins Silicon Valley nach Kalifornien umzog, stand er Zuckerberg als erster Präsident des Unternehmens beratend zur Seite. Beim Börsengang behält er alle seine knapp 70 Millionen Aktien, die dann gut 2,4 Milliarden Dollar wert sein dürften.

Investoren: Accel Partners stieg 2005 mit 12,7 Millionen Dollar bei Facebook ein, nun dürften die 201 Millionen Aktien der Investmentfirma bis zu 7,1 Milliarden Dollar wert sein. Durch den geplanten Verkauf von gut 38 Millionen Aktien beim Börsengang winken Einnahmen von 1,34 Milliarden Dollar. Der russische Investor Juri Milner, dessen Anteile auf bis zu 4,6 Milliarden Dollar geschätzt werden, dürfte 920 Millionen Dollar einstreichen, der Investor Peter Thiel 271 Millionen.

Mitarbeiter: Geschäftsführerin Sheryl Sandberg kann mit einem Anteil im Wert von bis zu 1,4 Milliarden Dollar rechnen. Auch viele andere Facebook-Mitarbeiter halten Anteile, der Börsengang dürfte mit einem Schlag hunderte neue Millionäre im Silicon Valley schaffen. AFP/nd

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