Von Christoph Nitz
19.05.2012

Wirtschaftliche Ödnis

Europas größter Designkongress TYPO sucht nach Wegen aus der Branchenkrise

Viele Gestalter müssten um das berufliche Überleben kämpfen. Der Gestalter Lars Müller zeichnete am Donnerstag auf der Hauptbühne des TYPO Berlin ein düsteres Bild der Kreativbranche. Design sei »eine schlecht entlohnte Dienstleistung«, das Verhältnis zwischen Auftraggeber und Designer sei vom Befehlston geprägt und die Entlohnung sei »heute Schmerzens- oder Schweigegeld«, so Müller weiter. Der interdisziplinäre Gestalter und Verleger begeisterte am Eröffnungstag das überwiegend junge Publikum der größten europäischen Konferenz zu Design, Kultur und Gesellschaft im Haus der Kulturen der Welt.

Rund 1600 Teilnehmer wollen auf dem 17. Designkongress drei Tage über Nachhaltigkeit diskutieren. Der TYPO wird seit 1996 vom unabhängigen Berliner Schriftenhaus FontShop organisiert. Seit 2011 gibt es Ableger in London und San Francisco. Das Branchentreffen versucht in diesem Jahr einmal mehr der wirtschaftlichen Ödnis für viele Designer mit der Fokussierung auf den »wertvollsten Rohstoff der Kreativbranche - der Idee« zu begegnen. Lars Müller kleidete es in die Worte »scharfes Denken schafft Mehrwert.«

Neben Analyse und Reflexionen über die Krise in einem globalisierten und digitalisierten Berufsalltag bietet der TYPO aber genügend Beispiele, dass Designer auch in schwierigen Zeiten erfolgreich sein können. Kirsten Dietz begeisterte mit »Sieben Thesen zu nachhaltig erfolgreichem Design«. Sie sammelte mit ihrer Agentur strichpunkt in den letzten zehn Jahren 587 Auszeichnungen ein. Besonders viel Beachtung fand etwa die geballte Protestfaust, die als Logo für das Stuttgarter Staatstheater im ehemals schwarz regierten Baden-Württemberg für Furore sorgte. Die schwäbische Metropole habe sich gefragt, »ob ein Staatstheater auftreten darf wie ein Off-Theater.« Designer müssten sich immer neu erfinden, mit ihre Arbeit kritisch hinterfragen und immer »auf Qualität bestehen.«

Eine Rückbesinnung und daraus folgend eine Neuorientierung hatte auch der Eröffnungsredner des Kongresses, Bernd Kolb mit seinem Tugenden-Katalog empfohlen. Der ehemalige Telekom-Vorstand war einst als »Unternehmer des Jahres« gefeiert worden, seit seinem Ausstieg aus dem Konzern wirkt er als Innovationsmanager. Kolb ließ eine Melange aus bekannten Zitaten und Fakten in neuer Zusammenstellung auf sein Publikum niederregnen und schloss mit der Frage: »Was mache ich morgen anders?« Sein Auftritt wurde von vielen Besuchern zwiespältig aufgenommen. Manchen Kreativen gefiel die Gestaltung seiner Folien nicht und andere konnten sich nicht damit anfreunden, dass ein Redner keine Lösungen von der Kanzel verkündete, sondern zu eigenem Handeln aufrief.

Viel Andrang herrschte auch bei der TYPO-Show. Hier zeigen Designer ihre Arbeiten und lassen die Zuschauer in die Werkstatt blicken. Hanif Kureshi aus Delhi widmet sich der Bewahrung und Digitalisierung der Arbeiten von Straßenmaler Indiens - eine aussterbende Kunst. Man könne nur Sachen machen, die Spaß bringen - nach dieser Devise stellen Christoffer und Kaisa Leka Bücher her, von denen jedes »ein eigenes Gesicht haben soll.« Mit ihrer Experimentierfreude treiben sie Drucker regelmäßig an den Rand der Verzweiflung und bekamen auf dem Kongress riesigen Applaus.

Heute werden mit Jessica Hische, Wes Anderson, Stefan Kiefer - der als Ressortleiter beim Spiegel für die Gestaltung der Titelseiten verantwortlich ist - weitere Designstars erwartet, die den verunsicherten Kreativen neue Impulse, Hoffnung und Mut geben sollen.