Von Jörg Roesler
19.05.2012

Die Vorzüge bäuerlicher Solidarökonomie

Die ostdeutsche Produktionsgenossenschaft auf dem Lande - eine Innovation, die sich bewährt hat

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Als im Sommer 1952 gemäß der Aufforderung der 2. Parteikonferenz der SED die ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) entstanden, stellten diese für Deutschland ein Novum dar. In der Zirkulationssphäre hatte diese Organisationsform des freiwilligen Zusammenschlusses zur Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen der Beteiligten bereits eine mehr als hundertjährige Tradition, aber eben nicht in der Produktion. Aus den ersten, in den 1840er Jahren von Raiffeisen gegründeten Hilfsvereinen und Darlehenskassen für »notleidende Bauern«, entwickelten sich in den folgenden Jahrzehnten Bezugs-, Absatz- und Kreditgenossenschaften. Nach 1945 übernahm deren Funktion im Osten die Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG).

Die Aufforderung, massenhaft landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften zu bilden, war verknüpft mit der Verkündung des Aufbaus des Sozialismus in der DDR. Vorbild war die Sowjetunion. Dort hatte Stalin 1927 eine Kampagne zur Bildung von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (Kolchose/Artel) eingeleitet und in den folgenden Jahren rücksichtslos vorangetrieben. Stand der DDR Ähnliches bevor?

Im Aufruf vom Juli 1952 betonte die SED-Führung, dass »die werktätigen Bauern« sich »auf völlig freiwilliger Grundlage« zu Produktionsgenossenschaften zusammenschließen sollten. Auch die im Dezember 1952 veröffentlichten Musterstatuten unterstrichen das Freiwilligkeitsprinzip. Tatsächlich ist es dann aber, besonders im Frühjahr 1960, als die Bauernwirtschaften voll »vergenossenschaftlicht« werden sollten, in erheblichem Maße zur Ausübung von Druck, Nötigung und auch zu Repressionen gekommen. Darüber sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die beim Eintritt in die LPG gewährten materiellen Vorteile - von der Entschuldung der Bauernwirtschaften über günstigere Kredite bis hin zur Subventionierung des Landtechnikeinsatzes - für den traditionell nüchtern kalkulierenden Bauern eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten. Erleichtert wurde den Landwirten der Beitritt auch durch die Möglichkeit, zwischen drei sich im Grad der Überführung der Privatwirtschaft in genossenschaftliche Bewirtschaftung unterscheidenden Typen zu wählen.

Doch bei der Mehrzahl der Bauern war die Genossenschaft in den ersten Jahren nach dem »sozialistischen Frühling« ungeliebt. Gemäß den Statuten hätte jedes LPG-Mitglied auch wieder aus der Genossenschaft austreten können. Im Prinzip blieb der »Rückweg« zur Einzelwirtschaft den Bauern der DDR jedoch versperrt.

Das änderte sich nach deren Ende. Den 658 000 Mitgliedern der 6500 LPG stand ab 1990 der Weg zum bäuerlichen Familienbetrieb wieder offen. Die Situation war in der Landwirtschaft anders als in der Industrie, wo die Treuhandanstalt den Beschäftigten keine Wahl ließ, sondern diktierte, wie es mit den VEB weiterging. Eine umfassende Privatisierungswelle wurde auch in der Landwirtschaft erwartet. Doch die Mehrzahl der LPG löste sich nicht auf, sondern wandelte sich in Agrargenossenschaften bürgerlichen Rechts um. Ein westdeutsches Vorbild dafür gab es nicht - die Genossenschaftsbetriebe in der BRD waren in der Zirkulationssphäre angesiedelt. Die (Ex-)DDR-Bürger brachten also Neues in das bundesdeutsche Genossenschaftswesen ein.

Worauf war die Entscheidung der Bauern zurückzuführen? Gewiss auch auf die Scheu der Mehrzahl der Bauern vor den Risiken eines erneuten Umbruchs ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Zudem war das sowjetische Beispiel nicht schematisch übernommen worden. Die LPG in der DDR waren auch in Anknüpfung an die deutsche genossenschaftliche Tradition gegründet worden und blieben in ihren Grundzügen ungeachtet mehrmals veränderter Musterstatuten und Betriebsordnungen bis zum Ende der DDR genossenschaftlich geführte Unternehmen. Anders als in den sowjetischen Kolchosen blieben die Bauern auch Eigentümer ihres gemeinsam bearbeiteten Grund und Bodens. Die Leistung des einzelnen Mitglieds wurde in Arbeitseinheiten gemessen und entsprechend vergütet. Bei allen individuellen Unterschieden in der Entlohnung hing das genossenschaftliche Einkommen der Mitglieder in erster Linie von der Ertragslage der LPG ab, die das Ergebnis gemeinschaftlicher Anstrengungen aller Mitglieder war - im Unterschied zur Entlohnung in den Industriebetrieben, aber charakteristisch für die Unternehmen der Solidarökonomie.

Während den Industriebetrieben zentral vorgeschrieben wurde, ob überhaupt bzw. in welchem Maße sie über den erwirtschafteten Gewinn verfügen konnten, entschieden in den LPG die Genossenschafter über die Verteilung der genossenschaftlichen Einkünfte auf Akkumulation und Konsumtion und damit über die Weiterentwicklung ihres Unternehmens selbst. Die Entscheidungsfreiheit der Genossenschaft war allerdings dadurch eingeschränkt, dass im Rahmen des Volkswirtschaftsplanes Kennziffern (auch in Naturalform) vorgegeben wurden, die es zu erfüllen galt. Doch im Rahmen dieser Vorgaben war in der Regel noch Raum für Eigengestaltung.

Günstig für die LPG war die Wirtschaftsreform der 60er Jahre mit vereinfachtem Betriebsplan (nur vier verbindliche Kennziffer). Während der Phase des NÖS konnte sich die innergenossenschaftliche Demokratie entfalten, die sich an den »klassischen« genossenschaftlichen Organisationsstrukturen orientierte. Höchstes Organ der LPG war die Vollversammlung. Sie hatte über alle wesentlichen personellen und produktionsrelevanten Entscheidungen zu befinden. Ausführendes Organ der Vollversammlung war der auf drei Jahre gewählte - und vom Rat des Kreises zu bestätigende - Vorstand. Gemeinsam entschieden wurde auch über die Arbeitsorganisation, die Aufteilung in Brigaden bzw. in Abteilungen und Arbeitsgruppen. Die Kontrollfunktion übte eine Revisionskommission aus.

Dank dieser Genossenschaftsstrukturen erlebten die Bauern in der LPG, dass ihre Meinung durchaus gefragt war, etwa auf der wöchentlichen Arbeitsbesprechung oder der monatlichen Brigadeversammlung. In den Wintermonaten wurden auf der Vollversammlung aller Genossenschaftsbauern der Abschlussbericht und der Jahresplan bestätigt sowie die Wahl des Vorstandes und der Revisionskommission vorgenommen. Es herrschte eine recht offene Atmosphäre. Das stärkte das Selbstbewusststein der LPG-Mitglieder.

Verschwiegen werden darf allerdings nicht: Es gab in der Geschichte der DDR längere Perioden grober, unzulässiger Einmischung, des »Hineinregierens« in die LPG-Wirtschaften, Zeiten, in denen seitens der für die Landwirtschaft in der SED-Führung Verantwortlichen Druck auf die Genossenschafter ausgeübt wurde, zu einer »höheren Stufe der Vergenossenschaftlichung« bzw. zu »industriemäßigen Produktionsmethoden« überzugehen. Agrarpolitisches Leitbild für derartige Forderungen war die Überzeugung der Spitzenfunktionäre, dass der spezialisierte Großbetrieb überall - eben auch in der Landwirtschaft - dem Klein- bzw. Mittelbetrieb überlegen sei. In den in den 70er Jahren gebildeten Groß-LPG der Pflanzenproduktion arbeiteten Bauern aus bis zu sechs Dörfern. Die Anfahrtswege zur Arbeit stiegen auf das Doppelte und Dreifache. Die »Bodenhaftung« und der Zusammenhalt drohten in den Genossenschaften verloren zu gehen.

Erst der deutliche Rückgang des staatlichen Aufkommens an Getreide und daraus resultierende Versorgungsschwierigkeiten sowie das Ansteigen der Erzeugerkosten (auch wegen der Sprit-Preise für die langen Anfahrtswege) bewirkten Anfang der 80er Jahre die Abkehr von der Gigantomanie. Es wurden erneut überschaubare Produktionsbereiche gebildet. Die Erzeugung stieg wieder an. Das 1982 verabschiedete neue LPG-Gesetz ermöglichte die Rückkehr zu bewährten Formen der innergenossenschaftlichen Demokratie. Dabei gesammelte Erfahrungen konnten die Bauern auch in der - was die juristischen Details betraf - anders strukturierten Agrargenossenschaften der Zeit nach der Wende weiter nutzen.

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