Von Hans-Dieter Schütt
19.05.2012

Im Instabilen liegt alle Hoffnung

Bayern München gegen Chelsea London: Wünsche und Wirklichkeit

Perfektion beglückt. Und zugleich droht sie mit Langeweile. In der Kunst, im Leben - und beim Fußball. Dann sitzen wir vorm Fernseher und erwarten in spannungsloser Ruhe genau das, was doch aber von vornherein absehbar ist. So kennt auch der Sport seine Agonie der Spitzenklasse, und gesteigert wird sie womöglich durch eine Gleichgültigkeit des Gegners, der ja ebenfalls von Beginn an weiß, welche wenig attraktive Rolle ihm als Erfüllungsgehilfe des gegnerischen Genies beschieden ist.

Der FC Barcelona gilt als derartiger Perfektionist, und die suggestive Kraft der Einschüchterung schien in den letzten Jahren in einem Maße gewachsen zu sein, dass der Klub selbst dann noch glänzte, wenn Messi und Iniesta prononciert gedämpft zu Werke gingen.

Dass »Barca« heute Abend in München nicht aufläuft, darf unter dem Aspekt der vollendeten Ästhetik als Verlust betrachtet werden, andererseits ist die Konstellation ohne Barcelona ein Sieg des Unwägbaren über jene Langeweile, die von allem ausgeht, was sich im Ruf sonnt, das königliche Ende einer Geschichte zu sein.

Sowohl Bayern als auch Chelsea stehen für eine kraftvolle Solidität, die nun nach Europens Krone greifen kann - zugleich wecken beide Mannschaften neuerliche Sehnsucht nach einer Perfektion, die man freilich kaum mit ihnen selber verbindet. Wer von beiden heute auch siegen mag, es siegt ein Klub, es siegen Kämpfer, es siegen Könner, es siegen Glückliche, jedoch: Es siegt keine Ära, es siegt kein System, es siegt nicht die Kunst an sich.

Es ist logisch, dass europäische Spitzenklubs auf Spieler jene Wirkung haben, die auch erstklassige Bühnen auf entwicklungsgierige Schauspieler ausüben: Man will sich adeln, man will wachsen, man erhofft Selbststeigerung, man strebt die olympische Ebene an. Bei Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp ist in Ansätzen genau das erkennbar - ohne dass der BVB bereits ein Ort wäre, wo man gleichsam auf unüberbietbarem Laufbahngefilde gelandet ist. Aber der FC Bayern war so ein Ort in den letzten Jahren nie, obwohl man sich gute Kräfte holte. Podolski, Neuer, Ribéry, Robben, Klose, Gomez: Zugänge, Abgänge, langwierige Schwankungen, und letztlich, noch im sehenswerten Leistungsschub, bei keinem ein majestätisches Maß, ein Erreichen des Karrierehöhepunktes. Die Zeiten, da der FC Bayern der absolute Gipfelpunkt eines Sportlerlebens bedeutete - lange her.

Frank Ribéry drückte einmal aus, was den FC Bayern so attraktiv mache. Er sei das einzige Fußball-Unternehmen, dessen Angestellte sicher sein können, dass ihre astronomischen Gehälter zum jeweils vereinbarten Termin auf dem Konto verbucht sind. Das ist kein kaltes Urteil, sondern wärmstes Bekenntnis. Und selbst die Fans des Klubs, deren Zahl regelmäßig steigt, scheinen in der professionellen, schier unantastbaren Wirtschaftskraft ihres Vereins einen Treuegrund zu sehen, der über all das hinweghilft, was man in den letzten Jahren sportlich nicht erreichte (und wenn heute alles schiefläuft, verabschiedet man sich aus dieser Saison als trauriger Rekordler des dreimaligen Zweiten).

Solche stabile Zuschauer-Verbundenheit mit einer ökonomischen Strategie, die Barcelona, Madrid oder London an kalkulierender Klugheit in den Schatten stellt, die fortwährend Gewinne häuft, aber nicht wirklich zum Kauf absoluter Weltklassespieler (und -trainer) führt - sie ist zweifellos ein Paradoxon. »Müssten die Fans sich nicht eher von dieser Wirtschaftspolitik betrogen fühlen? Macht es Sinn, das Kapitalvolumen in Jahren zu erhöhen, wo die Erfolgserwartungen und die selbst erklärten Ansprüche immer nur unterboten werden?« So fragt der Literaturwissenschaftler Hans-Joachim Gumbrecht, »und könnte es sein, dass dieser Soliditäts-Bonus, der sich ja für die Arbeit eine Arztes, eines Rechtsanwalts oder eines Kellners nur positiv auswirken wird, den Willen der Spieler neutralisiert und stillstellt, sich selbst zu überbieten?«

Aber ach, Fußball wäre nicht die faszinierendste Sportart, schürte sie nicht immer wieder die Hoffnung, dass beim nächsten Spiel doch etwas Unvorgesehenes entsteht, das mit Geld nichts zu tun hat, und dass in der Form, zu der jedes Spiel gerinnt, doch Anzeichen von ästhetischer Genialität aufblitzen. So wie ein Kunstwerk klüger, sinnreicher als dessen Schöpfer ist, so kann auch der nächste Spielmoment stärker, heller, beseelter sein als das System, dem er sich verdankt oder dem er entkommt.

Weil der Ball rund und der Fuß - im Gegensatz zur Hand - nicht wirklich ein sicheres Führungsorgan unseres Körpers ist, gibt es just im Fußball immer wieder diesen wunderbaren Konflikt zwischen angepeilter Richtung des Spiels und den Beinen, die dazwischenkommen. Das Existenzprinzip. Du gehst los, und los geht, was nur schief laufen kann. Links und rechts und in der Mitte.

Hoffen wir heute auf größtmöglichen Verzicht an strategischer Vorsicht. Möge die Unwahrscheinlichkeit des Gelingens der selbstbewusste Auslöser sein, etwas zu versuchen. Das war es doch, was 2006 Deutschland in den Spielen gegen England und Argentinien zu Helden einer spezifischen Schönheit des Übermuts erhob, und das ist es doch auch, was in der Neuzeitseele Dortmunds blinkt.

Die Frage wird also heute sein, wie ein auf robuste Solidität gestimmtes System wie das der Bayern einen Geist der Instabilität entwickeln kann, der Voraussetzung für Kreativität ist. Wie schafft man es, ein solides System im vollsten Bewusstsein so unsicher, so porös, so porenoffen zu halten, dass es, ohne zu brechen, für ganz Neues, für Improvisation offen wird? Die Fußball-Frage. Die Parteien-Frage. Die Lebenssinn-Frage.

Also: Auch heute treibt die Sehnsucht nach dem Unwahrscheinlichen Millionen Menschen an die Fernseher. Alle denken sie, heute geschehe es, wider alle Erfahrungen mit einem Fußball der Hochsicherheitstrakte namens Mittelfeld: Die Athletik ist nicht nur ein Rambo; die geschmeidige Einheit zwischen Defensive und Offensive, der überraschende, so virtuos instinktiv wirkende und also fließende Wechsel zwischen beidem kommt tatsächlich zustande. Ein Traum wird wahr: Annehmen und Passen des Balls, dieses »One Touch«, ist nicht länger in einen blitzschnell zu absolvierenden Vorgang gepresst; der Druck, der sich gegen eine Mannschaft richtet, ist ihr kein Grund, auf Genauigkeit zu verzichten - der Gegensatz von Erfolg und Schönheit wird somit beseitigt.

Das schöne Spiel als Mittel zum Zwecke des Sieges? Nein, möge der Zweck, zu gewinnen, ein schönes Spiel erschaffen! Bei dem Bayern München hoffentlich gewinnt!

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