Von Thomas Blum
23.05.2012

Deutschland gut, Schmarotzerländer schlecht

Thilo Sarrazin stellte sein neues Buch vor: Darin versucht er, das Thema Währungspolitik für die Stammtische interessant zu machen

Gestern machte Thilo Sarrazin im Berliner Hotel Adlon Reklame für sein Buch »Europa braucht den Euro nicht«.

Zu befürchten ist, dass der Mann vorerst keine Ruhe geben wird. Denn er hat Blut geleckt. Mit seinem letzten Buch (»Deutschland schafft sich ab«), das sich 1,3 Millionen mal verkaufte, hat Thilo Sarrazin kräftig verdient, indem er wirre Thesen über die Vererbung von Intelligenz aufstellte und Migranten beleidigte. Seither wird der Volkswirt von vielen Deutschen als eine Art messianische Erlöserfigur wahrgenommen, wenngleich seine »Thesen« einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten. Seriöse Forscher überführten ihn der ideologisch motivierten Faktenmanipulation.

Gelernt hat der ehemalige Beamte im Finanzministerium und Finanzsenator Sarrazin seither: Selbst wenn man einen knochentrockenen Stiefel zusammenschreibt, kann man ihn erfolgreich verkaufen, wenn man oft genug an den richtigen Stellen »Deutschland« sagt.

Auch in seinem neuen Buch, das der Verlag als eine »finanz- und währungstechnische Expertise« bezeichnet und das Sarrazin gestern im Ballsaal des Hotels Adlon vorstellte, indem er über weite Strecken unbeholfen aus der Einleitung des Buches zitierte, verknüpft der Autor einen aggressiv-verkniffenen Nationalchauvinismus mit D-Mark-Nostalgie und verdreht in bewährter Weise die Realität: Dass Deutschland anderen Euro-Ländern ein Spardiktat aufbürdet, davon will er nichts wissen. Deutschland sei vielmehr die »Geisel« der »Schuldenländer«. Früher habe es ein »peinliches Gefälle zwischen der D-Mark-Zone und anderen europäischen Ländern« gegeben, die den wirtschaftlichen Erfolg der Deutschen mit Neid betrachtet hätten. »Wegen seiner Stärke und seines politischen Erfolgs« habe Deutschland ein »schlechtes Gewissen«, weswegen es »auf Kosten deutscher Interessen« den Euro eingeführt habe.

Verfasst ist allerdings auch sein neues Machwerk in einer Art Sparkassenfilialleiterjargon, einem verkümmerten Rechenschieber- und Leitzordnerdeutsch, das so staubtrocken ist, dass man beim Blättern im Buch förmlich den Kalk aus den Seiten rieseln hört: Von Regelungslücken, Eingriffsintensitäten, sektoraler Flexibilität, Eckwerten usw. ist da die Rede. Sarrazins Lieblingswörter sind »Leistungsbilanzdefizit« und »quasi«. Das alles ist so anschaulich wie ein Zahlencode und nicht gerade ein prickelndes Lesevergnügen, das weiß freilich auch der Autor. Deshalb muss er das Geschäft mit dem Buch kräftig ankurbeln, indem er - wie beim letzten Mal - die knochentrockene Materie mit rechtspopulistischem Gezeter aufpeppt: Schon vor der Veröffentlichung des Buches kursierten ausgewählte Passagen, aus denen ersichtlich wurde, dass man auf denselben von tief sitzenden Ressentiments getriebenen Leser setzt, der sich auch schon Sarrazins letztes Buch ungelesen in den Schrank stellte: Die Befürworter gemeinsamer europäischer Staatsanleihen, also Grüne und Linke, seien »getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben«, so Sarrazin.

Die Neonazipartei NPD hat ihm dafür schon Beifall gespendet. Als er gestern danach gefragt wurde, ob er meine, dass die Buße der Deutschen für den Holocaust ein Fehler gewesen sei, bestritt er zwar, einen Zusammenhang zwischen der Shoah und deutscher Finanzpolitik hergestellt zu haben, sagte aber auch: »Es ist eben so, dass finanzpolitische Fragen sich bei uns kontinuierlich mit dem Thema vermischen, dass wir besondere Verpflichtungen hätten.« Was historische Verpflichtungen der Deutschen angeht, ergänzte er: »Ich lehne es grundsätzlich ab, dass es eine deutsche Schuld gibt.«

Eigentlich sollte man meinen, kein Mensch mit Verstand und Geschmack will das lesen: die fiskalpolitischen Belehrungen eines Finanzbuchhalters, angereichert mit den wirren, weitschweifigen Exkursen eines konfusen Hobbyhistorikers. Schon vor seiner gestrigen Veröffentlichung stand das Buch auf den Bestsellerlisten. 350 000 Exemplare wurden gedruckt. Da bleibt nur der Trost, dass das Buch in einer Sprache verfasst ist, die seine Leser verdient haben.

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