23.05.2012

Realitätsfern

Kommentar von Grit Gernhardt

War es Ahnungslosigkeit oder purer Zynismus, der Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, umtrieb, als er seinen Bericht schrieb? »Erstaunlich« nämlich findet er es, dass es überhaupt Personen gebe, die zu ihren Niedriglöhnen aufstockende Sozialleistungen bezögen, auch wenn es nur wenige seien. Schließlich könnten sie doch mit Hilfe von Hartz IV völlig auf Erwerbstätigkeit verzichten und hätten dabei noch fast genauso viel Geld. »Offensichtlich sind hier nichtmonetäre Motive im Spiel. Dabei mag es sich um persönliche Eigenheiten wie Stolz handeln, vielleicht spielen auch Sanktionsdrohungen der Arbeitsagenturen eine Rolle«, sinnierte Brenke weiter. Einen Mindestlohn hält er demnach für nicht notwendig.

Offensichtlich ist ihm die Realität eines Geringverdieners, ganz zu schweigen von der eines Hartz-IV-Beziehers, völlig unbekannt: Bei 7,3 Millionen Niedriglöhnern müsste es ihn ja eher erstaunen, dass nicht noch mehr mit Arbeitslosengeld II aufstocken, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Stattdessen schuften viele über 50 Stunden in der Woche, ruinieren sich die Gesundheit und lassen das Familienleben schleifen, weil sie eben nicht vom Staat abhängig sein wollen. Und das ist wohl das beste Argument für einen gesetzlichen Mindestlohn.