Von Ute Evers
24.05.2012
Literatur

Am Beispiel des Panama-Kanals

Juan Gabriel Vásquez setzt sich in »Die geheime Geschichte Costaguanas« von Joseph Conrad ab

In die fiktive Republik Costaguana hat bereits Joseph Conrad 1904 mit seinem Roman »Nostromo« geführt. Nun lässt Juan Gabriel Vásquez einen Mann namens José Altamirano in Konkurrenz zu Conrad treten. Der ist nämlich überzeugt, dass Joseph Conrad ihm seine Vergangenheit gestohlen hat, hatte er ihm doch in London seine ganze Lebensgeschichte erzählt. Doch Conrad habe in »Nostromo« weder ihn noch andere beteiligte Personen genannt, selbst der Ort musste einem fiktiven »Costaguana« weichen. Das will er mit seinen Erinnerungen und »Bekenntnissen« klarstellen.

Die zweite Obsession: Das Leben Conrads sei von Anfang an schicksalhaft mit dem seinen verknüpft. So abwegig die Vergleiche zwischen beiden Biografien sein mögen, immer wieder kommt Altamirano auf ihre »metaphysische« Verbundenheit zurück.

Wer ist er eigentlich? Altamirano wird 1854 gezeugt. Sein Vater feierte in Bogotá mit Forelle und Brandy den Sieg der demokratischen Streitkräfte über die Melo-Diktatur, als er Antonia de Narváez begegnete, einer intelligenten, anziehenden Frau. Aus dieser Begegnung ging Altamirano junior hervor. Wovon der Vater nichts erfuhr, war doch Antonia bereits mit einem englischen Geschäftsmann verheiratet. Der Junge musste 15 Jahre warten, bis ihm seine Herkunft enthüllt wurde. Als er den Vater schließlich in der panamaischen Provinz Colón findet, kommt es zu Debatten. In seiner propagandistischen Berichterstattung über den Panama-Kanal vertritt der Vater einen grenzenlosen Glauben an den Fortschritt, den der Sohn für sich hinterfragt. Der politische Skandal um den Bau jenes Kanals, der zur Abspaltung Panamas von Kolumbien führt, beide Länder gehörten einst zum damaligen Großkolumbien, wird das Leben von Vater und Sohn auf tragische Weise bestimmen. »Um unser Schicksal wurde auf den Tischen anderer Häuser gespielt. Bei den Pokerpartien, die die wichtigsten Weichen unserer Geschichte stellten, waren wir Kolumbianer ... nur steinerne Gäste.«

Als Zeitzeuge oder »Antizeuge« schreibt José Altamirano die Ereignisse seiner Epoche auch für seine Tochter Eloísa nieder, die er damals in Panama zurückgelassen hatte. Doch »Geduld, werte Leser. Verlangen Sie nicht, anfangs schon alles zu erfahren … Ich werde entscheiden, wann und wie ich erzähle, was ich erzählen möchte, wann ich verschleiere, wann ich enthülle.«

Der autoritäre Ich-Erzähler unterbricht gerne seine Erzählung und springt in Zeit und Ort hin und her. Er verlangt dem Leser mitunter Geduld ab, vor allem dann, wenn er sich in historische Details verliert. Doch man hört ihm gerne zu, wie er so übermütig-humorvoll daherkommt und nicht selten zu schwarzem Humor oder Ironie wechselt, was eben seinem Anliegen dient, mit Mythen oder Konventionen aller Art zu brechen.

»Die geheime Geschichte Costaguanas« kann als ein historischer Roman bezeichnet werden. Als reescritura der Geschichte könne man ihn lesen, als »Schwelle für Schwelle, toten Arbeiter für toten Arbeiter, das Wunder der Eisenbahn seine Schneise« durch den panamaischen Urwald schlug und sich Panama 1902 von Kolumbien abspaltete. Doch in erster Linie ging es Vásquez um Literatur. So bedient er sich der Romanform, um über das zu erzählen, was neben den großen historischen Ereignissen auch hätte stattfinden können. Es sei ein Spiel zwischen Fiktion und Realität, unterstrich der Autor kürzlich in einem Gespräch. Er stellt ein großes Fragezeichen vor die konventionelle Geschichtsschreibung, denn er wendet dieses Spiel der Möglichkeiten ja nicht zufällig am Beispiel des Panama-Kanals an. Dadurch gelingt es ihm, die Relativität bzw. Subjektivität von Historiografie fantasievoll herauszustellen. Juan Gabriel Vásquez, 1973 in Bogotá geboren, wird zu Recht als »eine der originellsten neuen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur« bezeichnet.

Juan Gabriel Vásquez: Die geheime Geschichte Costaguanas, Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Schöffling & Co. 336 S., geb., 22,95 €.

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