Von Astrid Kloock
26.05.2012

Hans im Glück aus Mecklenburg

Fliesenkünstler Lothar Scholz: Bilderstürmer sterben nicht

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Lothar Scholz an seinem Arbeitstisch.

Lothar Scholz ist Mecklenburger. Er wurde in Boizenburg geboren. Ein Freundesspaß begleitet ihn durch die Jahrzehnte. Zu seinem 50. Geburtstag wurde er gefragt, ob er sich ein langes Leben wünsche. »Ich würde gern neunzig werden«, sagte er. Darauf seine Freunde: »Lothar, das schaffst du. Wie 89 sieht du schon aus.« Den Witz konnte er gut wegstecken. Lothar Scholz sah immer gut aus. In diesem Jahr wird er 77.

Ich besuche ihn in seinem Haus an der Sude/Elbe. Es ist April. Wind weht um die Warft. Klein und zart steht Lothar Scholz vor der Tür. Wie kann so einer dem Wetter trotzen, denke ich. Er kann. Trotzen heißt standhalten. Mit beiden Beinen geerdet sein. Starker Wille, fester Fuß.

Lothar Scholz wollte von Kindes Beinen an Kunstmaler werden. Der Vater hätte gern einen Musiker aus ihm gemacht, wie er selbst einer war. Aber Geige und Saxofon lagen dem Jungen nicht gut in der Hand. Er ging in die Boizenburger Wand- und Bodenplattenfabrik, wo die Mutter arbeitete, und lernte Keramikformer. Das war seine Sache so sehr, dass er sich ein Jahr später heimlich an der Fachschule für angewandte Kunst Wismar bewarb. Er traute sich, obwohl er von den Voraussetzungen - 17 Jahre alt, Abitur, abgeschlossener Beruf - nicht eine erfüllte. Er war zu jung, blässlich und schmal. Aber er hatte Talent, und seine Prüfer leisteten sich eine unbürokratische Entscheidung. Lothar S. wurde mit 16 Jahren immatrikuliert.

»Das war mein Jahrhundertschritt«, sagt er heute, »ich fühlte mich wie Hans im Glück mit der Gans unter dem Arm und habe meine Gans nie wieder losgelassen.« - Sein Weg führte von der Fachschule in Wismar über die Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee, Studium bei Prof. Wolfgang Henze und Prof. Rudolf Kayser und danach mit dem Abschlussdiplom als Baukeramiker 1958 schnurgerade in die erste berufliche Aufgabe: Auf Wunsch des Stadtbaudirektors von Berlin, Prof. Erhardt Gißke, gründete er im VEB Fliesen- und Ofenbau Berlin eine Abteilung für Mosaik und Baugestaltung. Eine Riesenherausforderung. Er war 23!

»Das ist ein halbes Jahrhundert her«, Lothars Falten lachen:

»Meine glücklichsten Jahre. Ich war jung, mein Kopf voller Ideen. Meine Arbeit wurde gebraucht. Die Aufträge stapelten sich: Fassadengestaltung im Straßenbereich Berlin Unter den Linden, Wandgestaltung des S- und U- Bahnhofes Berlin-Alexanderplatz, »Bauch- binde« am Haus des Lehrers nach den Entwürfen von Prof. Walter Womacka, 900 m² Mosaikfries. - Aufträge über Aufträge. Ich habe mich nicht danach gebückt, auch nicht nach dem Erfolg, der ist ganz von selbst gekommen. Wandbilder in diesen Dimensionen hatten in der DDR und auch in Deutschland West keine Tradition. Sie waren mehr in Sonnenländern wie Spanien oder Portugal zu Hause. Ich beackerte das baukeramische Feld fast ohne Konkurrenz.«

Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte Lothar Scholz 1967. 1968 übernahm er einen Auftrag für Fliesenmalerei, so groß, dass es sogar ihm zunächst die Sprache verschlug: Herstellung und Anbringung von vier monumentalen Außenwandbildern im Bildungszentrum in Halle-Neustadt, insgesamt 1100 m². Der Spanier José Renau, René Graetz und Helmut Diehl hatten die Entwürfe gemacht. Scholz nannte die Zusammenarbeit mit den Künstlern einen »Fall für Hans im Glück«. Der Maler und Grafiker José Renau, der lange in Mexiko im Exil gelebt und dort mit David Alfaro Siqueiros zusammengearbeitet hatte, wohnte seit Ende der 50er Jahre in Berlin. Der Auftrag kostete Scholz und sein Team Zeit und Kraft. 1975 waren die Arbeiten abgeschlossen. 1100 m² Fliesen - prachtvolle Glasurmalerei in üppigen Formen und Farben. Halle-Neustadt strahlte. Es gab in Deutschland nichts Vergleichbares. Lothar Scholz bekam den Kunstpreis der Stadt. Heute sind zwei der Wandbilder zerstört.

In der Berliner Zeit sind insgesamt über 500 Arbeiten an Bauwerken im öffentlichen Raum entstanden. An Hotels, Gaststätten, in Schulen, Kindergärten, Schwimm- hallen; von Kap Arkona bis Suhl und von Frankfurt/Oder bis Magdeburg, die meisten in Berlin. - Unvergessen ist die große Sonne im »Haus des Reisens«, Berlin Alexanderplatz, ein Fliesenwandbild, 3.20 m x 6.50 m, entstanden in den 70er Jahren. Die große Sonne an der Wand hatte einen rotgoldenen Flammenkranz. Man ging zweimal an ihr vorbei - auf dem Hinweg zum Buchungsschalter und auf dem Rückweg. Nach Dubai oder Puerto Ventura sind wir damals nicht geflogen, aber diese Sonne kannten wir alle, auch wenn wir nur nach Polen fuhren. Die rotgoldene Reisesonne gibt es nicht mehr, und das »Haus des Reisens« hat andere Inhalte bekommen. Insgesamt sind mehr als 30 große Bildwerke des Künstlers Lothar Scholz zerstört worden. Ohne ein Wort der Rücksprache.

»Lass gut sein«, sagt er, »ist lange her. Als das '92 anfing mit dem Kaputtmachen, dachte ich, das kann und will ich nicht glauben, ich habe nachgefragt und begriffen: Das ist Methode. Revolutionen machen das so. Bilderstürmer sterben nicht. Menschen sind in der Lage, Schönes zu schaffen und Schönes zu zerstören. Sinnlos. So ist es Andrej Rubljow mit seinen Ikonen ergangen und vielen Altarbildern während der Reformation. Auch die Jakobiner benahmen sich wie Sieger; im Kaiserreich wurden Denkmäler gebaut, zerstört und wieder aufgerichtet. Mein Fehler ist - ich dachte, das wäre Geschichte. Die Menschen, die nach der Wende ihre Bücher - Fjodor Dostojewski, Erik Neutsch oder Siegfried Lenz - auf den Müll schmissen, sind auch Bilderstürmer. Gott sei Dank gab es einen Pastor, Martin Weskott aus Catlenburg, der die Bücher gerettet hat. Ich zähle nicht mehr, wie viele und welche Arbeiten von mir unter den Presslufthammer gekommen sind. Ich bin nicht dumm genug, um gegen Goliath zu kämpfen. Ich freue mich an dem, was überlebt hat.«

Überlebt haben zum Beispiel die 34 Fliesentableaus im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde. Arbeiten, die auf besonderen Wunsch von Prof. Dr. Heinrich Dathe entstanden sind. Unterglasurmalerei auf Steingutfliesen mit exotischen Vögeln in tropischer Landschaft als Buffet-Rückwand im Terrassencafé. Überlebt hat auch das Wandbild an der Rudolf-Tarnow-Schule in Boizenburg, 1971 auf Steinzeugfliesen gearbeitet. In der unteren Ecke ein Spruch von Goethe: Manches Herrliche der Welt ist in Krieg und Streit zerronnen, wer beschützet und erhält, hat das schönste Los gewonnen.« In Boizenburg funktioniert »olle Goethe« noch. Wer hier zerstören wollte, würde Boizenburger Occupies auf den Plan rufen. Sie lieben ihren Scholz. Wehe, es käme einer und wollte ihn ihnen wegnehmen.

Seit 1988 lebt Lothar Scholz wieder in seiner Heimat, in der Nähe von Boizenburg in Teldau-Vorderhagen. Die Wende war noch nicht in den Köpfen, als er Berlin verließ. Die Stadt wurde ihm zu laut, die Auftragslage überbordend. Mit den Berlinern ist er gut zurechtgekommen, mochte ihr schnelles Mundwerk, ein bisschen frech, manchmal großschnäuzig - er blieb unverändert der ruhige Mecklenburger, bei allem Erfolg bescheiden. Mecklenburger sind keine Aufschneider. Seine Verbundenheit zum Fliesenwerk hatte über alle Jahre Bestand. Nach der Wende überkam ihn eine große Angst, dass die alte treue Fabrik wie so vieles perdu gehen könnte. Er gründete mit Freunden ein Fliesenmuseum in Boizenburg, 1995; die Gründung hatte mit dieser Angst zu tun.

Das Fliesenwerk gibt es noch, mit allen Schwierigkeiten, und das Museum auch. Es ist das einzige Fliesenmuseum in Deutschland. Seine Mitarbeiter haben in den Jahren 19 Ausstellungen verschiedener Fliesengenres organisiert, im Ehrenamt. Es gibt Kontakte zu Fliesenmuseen in England, Spanien, Belgien, Frankreich, in den Niederlanden und in Kalifornien. Jährlich findet eine internationale Fliesenbörse statt, wo Sammler und Historiker aus Europa miteinander reden. In diesem Sommer zeigt das Museum seine 20. Ausstellung - 500 historische Fliesen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Eine Dauerleihgabe der Peter- und Irene-Ludwig-Stiftung aus Aachen. Zum ersten Mal in 17 Jahren hat es in diesem Jahr keine Fördermittel gegeben. Weil Hilfe aus Aachen kam, kann die Ausstellung stattfinden.

Lothar S.: »Früher konnten wir vor Arbeit nicht aus den Augen gucken. Heute hält uns das Betteln um Geld von der Arbeit ab. In Deutschland gab es seit 67 Jahren keinen Krieg, keine Seuchen, keine landesweiten Katastrophen. Seit dem Wiederaufbau nach dem Kriege wurde die Produktion und somit die Wertschöpfung auf allen Gebieten ständig gesteigert und wuchs ins Unermessliche. Nie zuvor wurde mehr Reichtum geschaffen als in dieser Zeit. Es gibt in Deutschland gegenwärtig 860 000 Millionäre und Milliardäre - und wir gehen betteln.«

Wenn es um den Verein geht, kämpft David gegen Goliath. Für sich selbst beruft er sich gern auf Hans im Glück. Die Gans hat er immer noch unterm Arm. Er ist recht gesund und hat Arbeit, aber er läuft mit seiner Glücks-Gans durch eine Gesellschaft, die nicht seine ist. Es fehlen die Freunde, mit denen man über die Arbeit diskutiert, mit denen man durchs Feuer geht; es fehlt Solidarität. Seine Auftraggeber sind Privatleute. Sein Lieblingsplatz ist die Werkstatt; mit ihren Schränken und Schubladen, langen Tischen und Brennöfen ein Schatz, eine kleine Universität, in der 50 Jahre Wissen und Erfahrung stecken. Auf die Frage Was ist Glück antwortet er: »Wenn ich den Brennofen öffne und meine Arbeit raushole.«

Bevor ich gehe, nehme ich ein paar Statements mit:

Aus Mecklenburg möchte er niemals weg. Mit dem Rauchen hört er erst auf, wenn er tot umfällt, das schwört er angesichts des uralten Birnbaums vor seinem Haus, Lothar Scholz, Hans im Glück, der im Laufe seines Lebens manches gewonnen und manches verloren, aber immer sich selbst behalten hat.

Er will 90 werden. Und er will malen, frei malen. Ganz anders als bisher. Menschen darstellen. Konkret im Prozess ihres Alltags. Morgen fängt er an. Es ist an der Zeit.