Von Tilman Rotherberg
30.05.2012

Weltrevolution für den Gaumen

Guy Debords Briefe lesen sich wie ein revolutionäres Logbuch der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts

Bisher wurden Debords Schriften als Sentenzenreservoir für Ausstellungskataloge ausgeschlachtet. Die nun veröffentlichten Briefe rücken ihn endlich in ein dezidiert politisches Licht.

Anfang 2009 überraschten die französischen Kulturbehörden mit einem wahrhaft spektakulären Coup, der sicherlich als einer der späten Höhepunkte der Resozialisierung früherer Staatsfeinde in die anständige Gesellschaft gelten kann: Als sich die Witwe Guy Debords, Theoretiker des linksradikalen Flügels des Pariser Mai 68, anschickte, den Nachlass des lebenslangen Unruhestifters an die Yale Universität zu verkaufen, erklärte man sein Werk kurzerhand zum »nationalen Kulturschatz« und versagte den Manuskripten so den Flug über den Atlantik. Diese posthume Überführung in den Schoß der Nation musste sich der französische Staat jedoch einiges Kosten lassen: Rund drei Millionen Euro flossen in die Taschen von Alice Debord; eine angemessene Kompensation für einen Autor, der sein Werk mit der Hoffnung verfasste, »der spektakulären Gesellschaft zu schaden«.

Dass Debord auch hierzulande in den Kanon dokumentationswürdiger Denker aufgestiegen ist, zeigen nicht nur vermehrte Forschungsarbeiten in den letzten Jahren, sondern auch die jüngst erfolgte Veröffentlichung einer Auswahl seiner Briefe. Interessant dabei ist, welche Schreiben die Übersetzer aus der siebenbändigen französischen Gesamtausgabe herauspickten. Bisher wurden Debords Schriften in Deutschland nämlich vornehmlich als Sentenzenreservoir für aparte Ausstellungskatalogprosa ausgeschlachtet und so zur avantgardistischen Medientheorie heruntergekühlt. Dieses bequeme Missverständnis konnte sich darauf berufen, dass Debord in den fünfziger Jahren im postsurrealistischen Milieu als Filmkünstler und Kunsttheoretiker tätig war. Die nun ausgewählten Briefe rücken ihn dagegen ins rechte - weil dezidiert politische - Licht: Die Korrespondenz, die den zeitlichen Rahmen von 1957 bis zu seinem Freitod 1995 abdeckt, liest sich wie ein revolutionäres Logbuch der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: Natürlich, der Pariser Mai, aber auch heute eher verblichene Episoden wie die Nelkenrevolution in Portugal, die italienischen Arbeiterkämpfe der siebziger Jahre, das Ende der Franco-Diktatur bis hin zu den Streiks in Polen - im Austausch mit einem weitverzweigten Aktivistennetz spürt Debord akribisch dem Aufflackern und Verglimmen des subversiven Potenzials der Ereignisse nach und schlägt so eine Bresche in die vermeintliche Selbstverständlichkeit der heute durchgesetzten Historiographie. Da sich Debord auf die Fahnen geschrieben hatte, »dort Öl hinzubringen, wo Feuer ist«, zeugen die Briefe aber auch von den teilweise irrwitzigen Interventionen des Gesellschaftskritikers und seiner Mitstreiter. Mittels geschickter Flugblätter gelang es, die Mächtigen in politischen Unruhesituationen zu panischen Reaktionen zu bewegen und ein ums andere Mal zu blamieren: Mal akklamierten hohe Würdenträger der italienischen Gesellschaft einen fingierten Aufruf zur Rettung des Kapitalismus durch Terrorakte, mal ließ die spanische Regierung aus Angst vor einem scheinbar drohenden proletarischen Aufstand 50 Anarchisten aus dem Gefängnis frei. Nicht nur diese heute fast sagenhaft erscheinende Wirkmächtigkeit der Publizistik unterschied Debord vom Typus des Künstlers, auch die öffentliche Selbstinszenierung lag ihm fern. Den Hang von Presse und Politik, ihn und die Situationistische Internationale als kapriziösen »Kollektivstar« der Revolte zu inszenieren, um sie so in der harmlosen Rolle des Krawallspezialisten zu isolieren, wertete er als Versuch der Entschärfung ihres negativen Potenzials. Nichts war ihm verhasster als falsche Freunde, die es an kritischer Kohärenz und politischer Radikalität mangeln ließen. Entgegen dem Rekrutierungseifer der linken Parteien, legten die Situationisten ihren Verehrern haufenweise Steine in den Weg. Dies, wie auch ihre legendäre Ausschlusspraxis - von 70 Mitgliedern blieben am Ende noch zwei: Debord und Gianfranco Sanguinetti, die sich kurz darauf verkrachten - erscheint nach Lektüre der Briefe jedoch weniger als sektiererische Marotte, sondern als ernst gemeinter Aktivierungsversuch für in Passivität geratene Genossen. So erbarmungslos die oftmals von gifttriefenden Erklärungen begleiteten Maßnahmen auch scheinen mögen, in ihnen drückte sich letztlich ein ungemein hoher Anspruch der allseitigen und bewussten Entwicklung der menschlichen Sinne aus, die durch Trägheit und Halbherzigkeit immer wieder betäubt zu werden drohen.

Der Hinweis auf jene zentrale Motivation im Wirken Debords ist die eigentliche Entdeckung der ausgewählten Briefe. So wie Marx im »Selbstgenuss des Menschen« den Zweck der Weltrevolution sah, ist auch Debords Radikalismus von der Begierde nach Verfeinerung des Geschmacks und der Sinnlichkeit grundiert. Besonders eindrücklich spiegelt sich das in den »ländlichen kulinarischen Experimenten«, nach Motiven des Pariser Mai benannten selbstkreierten Kochrezepten, wider, denen sich Debord 1968 genauso ausgiebig widmete, wie der politischen Analyse. Zu den Speisen dieser cuisine révolutionnaire gehörten die »Flambierte Sorbonne«, ein mit Schokolade glasiertes Baiser, mit Kirschen verziert und mit grünem Wodka flambiert. Als Vorspeise ließen sich die Genossen eine »Wütende Suppe« schmecken. Rot und scharf sollte sie sein, dafür sorgten eingekochte Tomaten, die dann kräftig mit Chili, Pfeffer und Knoblauch verfeinert wurden. Auch Pflastersteine durften kurz nach den Barrikadenkämpfen im Quartier Latin nicht fehlen: In Butter angebratene Baguettestücke, die später in die Suppe getunkt wurden, erfüllten hierfür ihren Zweck. Der vermeintliche Kulturpessimismus des späten Debord entpuppt sich mit diesem Wissen als konsequente Fortführung des früheren Engagements. Jemandem, für den die angestrebte Revolution auch immer eine des Gaumens zu sein hatte, musste das mit der industriellen Essensproduktion eintretende »Verschwinden des Geschmacks« ein Graus sein: »Nicht, um uns im Schlaraffenland leben zu lassen, muss ein Teil des Planeten an Hunger sterben, sondern, um uns im Dreck leben zu lassen.«

All das mag angesichts der heutigen Vorherrschaft abgeklärter Nüchternheit vielleicht doch an die Hybris eines romantischen Künstlergeistes erinnern. Gerade aber durch das Beharren auf den »Sieg der Urteilskriterien der Avantgarde gegen die Epoche« schlägt dem Leser aus den Briefen der Hauch eines eigentümlichen Zukunftsvermögens entgegen. Nach der Lektüre bleibt das bohrende Gefühl, dass die Geschichte schon mal weiter gewesen sein könnte. Und womöglich ist Debords lebenslanges Kreisen um die Bestimmung wahrhaft revolutionärer Praxis bei aller Verstiegenheit gar nicht so abwegig in einer Zeit, wo es überall Revolutionen, nirgends aber mehr Revolutionäre zu geben scheint.

Guy Debord: Ausgewählte Briefe. 1957 - 1994, Edition Tiamat, Berlin 2011, 336 Seiten, 28 Euro.