30.05.2012

Pinkelnde Nazis am Obersalzberg

Dunkle Tannenwipfel vor schimmerndem blauen Himmel, majestätische schneebedeckte Berge: Auf den ersten Blick sind es wunderschöne Gebirgslandschaften, die der Fotograf Andreas Mühe abgelichtet hat - allerdings am Obersalzberg, dem Feriendomizil Hitlers und seiner Nazi-Clique. Ein zweiter Störfaktor ist erst beim genauen Hinsehen zu entdecken: Irgendwo in der Idylle steht immer ein pinkelnder Nazi.

Aufsehen erregte die »Obersalzberg-Serie« von Andreas Mühe, auch bekannt geworden durch großartige Politiker-Porträts, schon in der »State of the Art-Ausstellung« in Nordrhein-Westfalen. Nun zeigt die Galerie Dittrich & Schlechtriem sechs kleinformatige Aufnahmen der Serie, gerade mal so groß wie die Negative von Mühes Großbildkamera. Auf diesen knapp postkartengroßen Bildern sind die uniformierten Männlein winzig, die typische Pinkel-Pose ist trotzdem eindeutig.

Nun könnte man Mühe vorwerfen, mit seinen Fotos die Lust der Feuilletons auf Provokation bedienen zu wollen - hätte er sich nicht schon in früheren Serien, zum Beispiel im Seebad Prora auf Rügen, mit der Nazi-Ästhetik beschäftigt. »Die Auseinandersetzung mit diesem Stoff ist nicht abgeschlossen«, so Mühe, den Themen wie Macht und Größenwahn interessieren. In seinen Obersalzberg-Fotos liegen Idylle, Großmannssucht und Lächerlichkeit dicht beieinander.

Das Alpenpanorama sowie die braunen und schwarzen Uniformen reichen aus, um im Geiste Bilder der Nazi-Schergen heraufzubeschwören: Hitler, der sich hier mit Eva Braun und seinen Schäferhunden beim Kaffeetrinken filmen ließ, nebst anderen Top-Nazis und ihren Frauen - eine Imagekampagne, die den »Führer« als Familienmensch zum Anfassen darstellen sollte und die heute umso perverser wirkt.

Wie so oft in seinen Arbeiten, geht es Mühe ums Inszenieren, um den Moment der Fotografie. Der Vorraum der Galerie ist tapeziert mit Fotografien von soldatischen Spielfiguren der 30er und 40er Jahre, die damals in den meisten Kinderzimmern standen. Den Schlüssel aber bildet die düstere, metergroße Aufnahme »Selbstbildnis«: Der dem Betrachter zugewandte, als ranghoher SS-Offizier erkennbare Protagonist wird halb verdeckt vom Fotografen, einem kleineren Unteroffizier, der ihm die Kamera direkt vors Gesicht hält; zu sehen sind nur das energisch vorgestreckte Kinn und der arrogant verzogene Mund. So spiegelt das Bild nicht die überlegene Pose wider, sondern die Schwierigkeit, diese Pose im Bild zu transportieren.

Auch die »pissenden Nazis« auf den kleinen Formaten wirken nicht wie historische Wiedergänger, sondern erinnern in ihren nagelneuen Uniformen an Protagonisten in satirischen Hollywood-Filmen. Und doch ist es schwer, diese Illusion als Parodie abzutun: Auch wenn die Szene bis in Detail inszeniert ist, mit professionellen Schauspielern und Uniformen aus dem Kostümverleih, könnte sie sich so oder ähnlich zugetragen haben.

Ob an einen schneebedeckten Baum gelehnt, im dunklen Ästegewirr kaum zu erkennen oder vor weitem blauem Himmel die Aussicht genießend: Wie Mühe seine urinierenden Nazis abgebildet hat, wirkt echt - gerade durch die vermeintliche Intimität des Vorgangs. So kann diese irritierende Schau kaum jemanden kalt lassen.

Bis 23. Juni, geöffnet dienstags bis samstags, 11-18 Uhr, Dittrich & Schlechtriem, Tucholskystr. 38, Mitte

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