Von Hans-Dieter Schütt
01.06.2012

Die Lust und der Zorn

Konstantin Wecker zum 65.

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Seine Lieder sind Anleitungen: Leb dich um Kopf und Kragen, dass du beides wieder spürst; knüpf dir aus all deinen Krawatten ein Fluchtseil aus der ordentlichen Welt. Leg ein Konto nur mit Glückspfennigen an. Nimm jedes Ende wie einen Spiegel, in den der Anfang hineinschaut und sich noch einmal unvergleichlich schön findet. Manchmal steht dieser Sänger in seinen unerwachsenen Liedern da wie ein kleiner Junge am Straßenrand, traurig, weil er zusehen muss, wie die Autos seinen Schatten überfahren.

Konstantin Wecker wurde inmitten seiner Dynamik doch zu einem der sanftesten Sänger dieses Landes, und auch seine politischen Engagements (in Liedern wie »Willy«, »Waffenhändler-Tango«, »Vaterland«, »Sage nein!« und, und, und) folgen weniger einer rationalen Gewissheit des Durchdachten, sondern weit mehr den Gefühlskräften einer naiven, verletzlichen Seele. Die kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern eher - gleichsam ein vielfacher Siegfried - mit lauter Lindenblättern bekleidet scheint.

Lauter Lindenblätter, lauter Wunden, lauter Narben. »Manchen gelingt es/ Sich zu entfalten/ Daß sie sich immer/ Die Unschuld erhalten./ Die warten im Schatten/ Um besser zu sehen/ Können ohne Applaus/ Der Angst widerstehen./ Die schreiben nie Lieder./ Die sind Melodie./ So aufrecht zu gehen/ Lerne ich nie.«

Wecker nimmt keine Rücksicht. Nicht auf sich, nicht auf andere. Er besetzt Räume mit seiner Stimme, seiner Energie. Er ist äußerst freigiebig - in den Liedern, seinen Meinungen, freigiebig mit Lust, freigiebig mit Zorn. Er ist ständig auf der Suche nach jenem Ton, der sich durch sein Leben zieht. Also bleibt er auch freigiebig in seinen Geständnissen, unfertig, unsicher, suchend zu sein. Sein Leben ist gelebter Widerspruch - zwischen vehementer Freundlichkeit dem Dasein gegenüber und einer ebenso vehement gefühlten Getroffenheit von den politischen, sozialen Verwerfungen, in die alles Wohlempfinden, aller Genuss zitternd, frierend, gepeinigt, gefährdet, betend eingelagert bleibt.

Er nannte Bush einen Kriegstreiber, er wagte für Irak die Metapher des »zweiten Vietnam« - freilich zu einer Zeit, da der deutsche Großjournalismus noch wie ein folgsamer Dackel der US-Propaganda hinterherzockelte. Man müsste heute, da jedem das NATO-Debakel wie eine niemals anders gesehene Selbstverständlichkeit aus dem Maul purzelt, den Kommentatoren die alten Bänder vorspielen, die alten Zeitungen vorlegen: Wie weise sie doch mit der Zeit geworden sind. Eine billige Weisheit, die den Charakter kostete - der einer gewesen wäre, hätte man die Wahrheit zu unrechter Zeit gewagt. Wecker wagte sie, ging aufrecht durch die Stimmungspeitschen der Niedertracht.

Mit dem Vater am Klavier sang der einstige Knabensopran Opern-Arien, noch immer badet er gern im erdfetten Pathos, als sei er der Spatz und die Welt eine wunderbar dreckige, aber große erfrischende Pfütze.

Auch sind da die schwungstarken, die hymnisch hochgreifenden, kabarettspitzen Lieder; er kann ja alles weghämmern mit seinen Tönen. Doch kann er zugleich singen, dass ein Kerzenlicht, dicht vor seinen Mund gestellt, nicht verlöschen würde. Laut, damit wir das Geräusch der vergehenden Zeit nicht hören, leise, damit wir es hören. Soeben erschien ein Buch über seine spirituellen Lieblingstexte - da hat ein Mensch sich Zugang verschafft zu Ahnungen dessen, was uns übersteigt, er ist dabei freier geworden in einer Liebe zu sich selbst, die das Gegenteil von Selbstliebe bedeutet.

Er ist kein Idol im Sinne des Pop. Denn Pop ist eine Einladung zur Selbstvergessenheit. Dieser Sänger dagegen lädt ein, das eigene Ich einer Prüfung auszusetzen, bei der man denkend, fühlend zu sich selber finden möge; das ist die Qualität, die jede gute Prüfung ausmacht: Man lernt nicht vorher, sondern während sie stattfindet.

Botho Strauß warf dem modernen Räsoneur vor, er urteile »ohne geringste Erschütterung, fast teilnahmslos. Die Förmlichkeit der Diskurse schirmt den Erkenntnismenschen ab gegen ein wilderes Bewusstsein von sich selbst«. Dieser Schwabinger Zivilanarchist ist das Gegenteil dieses Typs: baggerschwer, federleicht; ein Romantiker des verbesserlichen Menschen.

Wer Konstantin Wecker je am Klavier sah, der weiß, warum dieses Instrument so fest gebaut ist. Da wird - spielend! - etwas Ungestümes ausgelebt, das doch nur die Umhüllung einer tiefen männlichen Zartheit bildet.

Der Autor ist Herausgeber des Buches »Konstantin Wecker - Tobe, zürne, misch dich ein! Widerreden und Fürsprachen«. Eulenspiegel Verlag Berlin . 225 S., brosch.,



Jeder Augenblick ist ewig,
wenn du ihn zu nehmen weißt.
Ist ein Vers, der unaufhörlich
Leben, Welt und Dasein preist.

Alles wendet sich und endet
und verliert sich in der Zeit.
Nur der Augenblick ist immer
Gib dich hin und sei bereit!

Wenn du stirbst, stirbt nur dein Werden.
Gönn ihm keinen Blick zurück.
In der Zeit muss alles sterben,
aber nichts im Augenblick.

Aus: Konstantin Wecker: »Jeder Augenblick ist ewig«. Die Gedichte. dtv. 268 S., 9,90 Euro

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