Von Jan Mies, SID
07.06.2012

Zurück in den Herzen der Fans

Frankreich verabschiedet sich mit 4:0 gegen Estland und einem überragenden Franck Ribéry zur EM

Zweimal Karim Benzema, einmal Franck Ribéry: Frankreich siegt beim letzten Test vor der Europameisterschaft, und auch wenn Nationaltrainer Laurent Blanc unzufrieden ist - seine Angreifer sind bereits in Form.

Es ist nicht lange her, da hätte die Grande Nation Franck Ribéry und Karim Benzema am liebsten unter der Guillotine gesehen. Denn Ribéry wurde 2010 als einer der Rädelsführer der »WM-Revolution« von Südafrika gebrandmarkt - ein Desaster, das Schimpf und Schande über die Equipe Tricolore brachte. Benzema gesellte sich wenig später auf die schwarze Liste: durch einen Sexskandal, in den auch Ribéry verwickelt war.

Wenige Tage vor Beginn der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine haben das aber selbst die größten Kritiker vergessen. Der »Kaiser Franck«, wie France Football auf seiner Internetseite schrieb, und eben Benzema brillierten im letzten Test gegen Estland (4:0) mit einer »großartigen Kombination« zum 1:0 durch den Bayern-Star. Benzema (Real Madrid) erzielte in ebenso hervorragender Manier zwei Treffer. Seit 21 Spielen sind »Les Bleus« nun ungeschlagen.

»Die mühelosen Blauen«, titelte Le Figaro, »Grund genug, optimistisch zu sein«, behauptete die L'Equipe. Die Nation träumt. Aber der Trainer warnt. »Da waren auch Teile, die weniger eindrucksvoll waren - und das war die Defensive«, sagte Laurent Blanc.

Genervt konstatierte der ehemalige Abwehrchef der Franzosen, seine Mannschaft habe sich selbst Probleme bereitet. »Wir müssen die Dinge einfacher lösen, dann werden wir effektiver«, sagte der 46-Jährige: »Wir haben hinten eben nicht einfach gespielt, und das hat uns in Schwierigkeiten gebracht. Das ist nicht gut.« Gemessen an den Skandalen in Südafrika wird die Lösung dieser Probleme äußerst angenehm sein. »Blanc wird tun, was nötig ist«, sagte dessen ehemaliger Weggefährte Christophe Dugarry.

Am Montag bestreiten die Franzosen ihr Auftaktspiel gegen den Erzrivalen England. »Wir haben noch ein paar Tage«, sagte Franck Ribéry (noch) gelassen: »Das Spiel wird völlig anders sein.« Etwas unverhofft hat sich der 29-Jährige nach der »Vizesaison« in München mit drei Toren in den vergangenen drei Testspielen endgültig zurück in die Herzen der Fans gespielt. »Das ist für mich etwas wirklich Großes«, sagte er: »Uns wurde aber auch viel von der Öffentlichkeit gegeben.«

Was die Öffentlichkeit mit Ribéry einst anstellte, hat aber zumindest »Präsident« Blanc nicht vergessen: »Wir haben immer unser Vertrauen in ihn behalten, und Gott weiß, dass ihr alle vor ein, zwei Jahren da anderer Meinung wart«, sagte Blanc. »Ribéry und Benzema haben ihr enormes Talent in ihren Klubs bewiesen, und es war entscheidend, dass sie das auch in der Nationalmannschaft getan haben«, sagte der Welt- und Europameister (1998/2000): »Sie genießen es, zusammenzuspielen, und das ist gut für uns alle.«

Dass Frankreich mit einem überragenden Ribéry wieder zu einem der Favoriten auf den Titel aufsteigen konnte, ist wahrlich nicht mehr geheim. In dieser Form dürften zumindest die weiteren Gruppengegner Schweden und Co-Gastgeber Ukraine den Blauen keine großen Probleme machen. Zumindest an Benzema und Ribéry sollte es nicht scheitern.

Testspiele weiterer EM-Teams

Frankreichs dritter Gegner in der Gruppe D, Schweden, verabschiedete sich ebenfalls mit einem Sieg von seinen Anhängern. Und bei den »Tre Kronors« brillierte ebenfalls die Offensive um Zlatan Ibrahimovic. Der Stürmer bewies seine derzeitige Topform auch beim 2:1 (1:1) gegen Serbien. Weniger, weil er den Siegtreffer per Foulelfmeter (52.) erzielte, sondern weil er als hängende Spitze den Ball fast immer haben wollte und damit auch immer etwas anzufangen wusste. »Er wird immer besser und besser. Man kann sagen, dass das gerade sein Spiel ist«, schwärmte Schwedens Nationaltrainer Erik Hamren.

Nach dem Spiel gegen Serbien lobte Kapitän Ibrahimovic: »Alle haben einen guten Job gemacht. Zum EM-Start sollte alles perfekt sein.« Da geht es am Montag in Kiew gegen den Co-Gastgeber Ukraine. Zur Konstellation in der Gruppe, die England als viertes Team komplettiert, meinte Ibrahimovic: »Es ist keine einfache Gruppe, aber wir haben es in die Endrunde geschafft, weil wir gut sind. Wir brauchen uns nicht zu verstecken.«

Weniger optimistisch kann die Ukraine ins Turnier gehen. Für die schwache Leistung beim 0:2 (0:1) gegen die Türkei in Ingolstadt griff Nationaltrainer Oleg Blochin auf eine zweifelhafte Ausrede zurück: »Unsere Spieler sind in Deutschland vergiftet worden.« Zehn von ihnen hätten unter einer Lebensmittelvergiftung gelitten. Bis zur Auftaktpartie gegen die Schweden sollten sie wieder genesen sein.

nd/SID