Von Eva Mahnke, Leipzig
08.06.2012
nd-Serie 20 Jahre nach dem UN-Gipfel über Umwelt und Entwicklung (Teil 4)

Die Kraft des Informellen

»Leipziger Agenda 21« vernetzt die Akteure im Bereich Nachhaltigkeit

Der Erdgipfel in Rio de Janeiro hat Kommunen weltweit aufgefordert, sich am Prinzip der Nachhaltigkeit zu orientieren. Zahllose Städte und Gemeinden sind dem Aufruf zu einer »Lokalen Agenda 21« gefolgt. Das Motto lautet: Global denken - lokal handeln.

Nicht nur nationale Regierungen und Staaten sind seit dem Erdgipfel im brasilianischen Rio de Janeiro vor 20 Jahren mit mehr oder minder großem Erfolg unterwegs in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Umweltprobleme, Veränderung der Konsumgewohnheiten, nachhaltige Siedlungspolitik, soziale Teilhabe - viele Bereiche des in Rio beschlossenen Aktionsprogramms »Agenda 21« sind auch auf der lokalen Ebene von Bedeutung. Deshalb wurde ein Prozess der »Lokalen Agenda 21« ins Leben gerufen. Unzählige Kommunen weltweit sind der Aufforderung nachgekommen, vor Ort einen Prozess für mehr Nachhaltigkeit ins Leben zu rufen. Allein in Deutschland haben über 2600 von ihnen einen entsprechenden Ratsbeschluss herbeigeführt.

Leipzig ist eine von ihnen. Die »Lokale Agenda 21« versteht sich hier als eine offene Bewegung von Leipziger Bürgern sowie von privaten und öffentlichen Einrichtungen. Ihre Stärke will sie aus »der Kraft des Informellen und Experimentellen« gewinnen sowie hierfür Beziehungen »quer durch die bestehenden Regelkreise« knüpfen. Wichtiger Motor des Prozesses ist das Agenda-Büro, das im Auftrag der Stadt die Akteure miteinander vernetzt. »Das Besondere am Agenda-Prozess ist, dass er einrichtungsübergreifend abläuft«, erläutert Büro-Leiter Ralf Elsässer die Idee hinter dem Ansatz. »Sonst kommt es ja nicht häufig vor, dass ein Verein mit Unternehmen, Politikern oder Forschungseinrichtungen zu tun hat und sich alle querbeet verständigen.«

Zusammengehalten werden die Aktivitäten von einem Koordinierungskreis. Dessen Vertreter - unter anderem aus Unternehmen, Vereinen, Gewerkschaften, Kirchen und Wissenschaft - treffen sich regelmäßig, um neue Ideen zu entwickeln und Projekte anzustoßen. »Gleichzeitig bilden sie die Multiplikatoren, die verschiedene Bereiche der Stadtgesellschaft für den Prozess erschließen sollen«, so Elsässer.

Auf diese Weise hat die »Leipziger Agenda 21« zahlreiche Projekte und neue Institutionen ins Leben gerufen. Im Jahr 2000 etwa wurde die »Freiwilligen-Agentur Leipzig« gegründet, die Ehrenamtliche in über 220 Vereinen und Organisationen vermittelt. Eine weitere Einrichtung entstand 2011 mit der »Zukunftsakademie Leipzig«. Sie soll die lokalen Bildungsangebote zum Thema nachhaltige Entwicklung bündeln und an Schulen vermitteln.

Auch im Bereich Klimaschutz sind die Agenda-Akteure aktiv, etwa durch Vernetzung von Aktivitäten im Bereich der Energieberatung privater Haushalte. So wurde die Einstiegsberatung der Caritas zum Thema Stromsparen mit dem vertiefenden Beratungsangebot der Verbraucherzentrale gekoppelt. Zudem wurden durch den regelmäßigen Austausch von Vereinen, den Leipziger Stadtwerken, der Betriebskostenstelle der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft und dem Sozialamt der Stadt die Beratungen insgesamt bekannter gemacht.

In Zukunft wollen sich die Agenda-Akteure noch stärker in die Entscheidungen der Stadt einbringen und etwa zu zentralen Fragen wie der Verkehrsplanung Stellung beziehen. »Wir wollen den Entscheidungsträgern in Sachen nachhaltiger Entwicklung beratend zur Seite stehen, aber auch negative Entscheidungen entsprechend rügen«, erklärt Rolf Mörchel, Mitglied im Koordinierungskreis und Vorstandsvorsitzender der »Freiwilligen-Agentur«.

Die Gelder der Stadt für die Arbeit des Agenda-Büros sind knapp bemessen und engen vor allem den Spielraum für eine beständige Vernetzungsarbeit relevanter Akteure - eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Agenda-Prozess - ein. »Die Stadt möchte für ihr Geld ständig Produkte sehen«, kritisiert Annette Körner, die für die Grünen im Stadtrat sitzt. Wenn man aber vernetze, könne man diese nicht ständig liefern. Auch die Einbindung der Bevölkerung muss noch verbessert werden. »Der Agenda-Prozess lebt davon, dass sich die Bevölkerung engagiert«, unterstreicht Winfried Damm, Vertreter der Stadtwerke Leipzig im Koordinierungskreis. »Aus meiner Sicht gelingt es leider nur bis zu einem gewissen Grade, Menschen in einem größeren Kreise zu motivieren, sich grundsätzlich zu engagieren.« Dennoch: Der Leipziger Agenda-Prozess gilt vielen in Deutschland als ein gutes Vorbild.

Teil 5 unserer Serie am kommenden Mittwoch befasst sich mit dem Bedeutungszuwachs der Zivilgesellschaft. Im Internet findet sich eine Themenseite unter: www.neues-deutschland.de/rio20

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken