Von Alexander Ludewig
08.06.2012

Michel Platini sehnt den Anpfiff herbei

Der UEFA-Präsident ist von politischen Themen genervt

Heute beginnt die 14. Fußball-Europameisterschaft mit dem Eröffnungsspiel des Co-Gastgebers Polen gegen Griechenland. Mit dem Anpfiff im Nationalstadion Warschaus startet die erste kontinentale Meisterschaft im Ostteil Europas nach der politischen Wende. Der europäische Verband diktiert die Bedingungen und erwartet wieder einen Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe.

Von den Spaniern hält Michel Platini viel. Der Präsident des europäischen Fußballverbandes UEFA sieht den Titelverteidiger wie so viele vor der Europameisterschaft in der Favoritenrolle. Den Auftritt eines Mannes von der iberischen Halbinsel sehnt der Franzose aber ganz besonders herbei. Wenn der spanische Referee Carlos Velasco Carballo heute um 18 Uhr im Warschauer Nationalstadion das Eröffnungsspiel der EM zwischen Co-Gastgeber Polen und Griechenland angepfiffen haben wird, dann kann sein Turnier endlich beginnen.

Platini verbindet damit vor allem die Hoffnung, dass sich der Fokus in den nächsten drei Wochen bis zum Endspiel am 1. Juli im Olympiastadion der ukrainischen Hauptstadt Kiew nur noch auf das sportliche Geschehen richtet. Am Mittwoch war dem 56-Jährigen der Verdruss über Themen, die die erste Europameisterschaft im östlichen Teil des Kontinents nach der politischen Wende in Europa mit sich bringt, noch mal deutlich anzusehen. In Warschau, auf der EM-Eröffnungspressekonferenz, wurden ihm überwiegend Fragen mit politischem Hintergrund gestellt.

Die Antworten kannte man leider schon vorher. Egal ob zum Fall Julia Timoschenko und den Korruptionsvorwürfen in der Ukraine oder dem Rassismusproblem und den Organisationsdefiziten in beiden Gastgeberländern - dafür sei die UEFA nicht zuständig. Auch das Problem der hohen Hotelpreise für die Fans schob er auf die Organisatoren vor Ort.

Die Mächtigen pfuschen sich ungern gegenseitig ins Handwerk. Also leugnet Platini beharrlich den Zusammenhang zwischen Sport und Politik. Dass die Kosten für das Turnier in der Ukraine von anfangs 3,2 Milliarden auf über elf explodierten, interessiert ihn nicht. Ebenso wenig, dass das Gros der Aufträge und damit der Großteil des Geldes in die Hände der Oligarchen des »Donezk-Clans« flossen - ermöglicht durch ein Ermächtigungsgesetz der ukrainischen Regierung im Juli 2010. Präsident Viktor Janukowitsch, der selbst aus dem Bezirk Donezk stammt, billigte natürlich, dass Aufträge seitdem ohne jegliche Ausschreibung vergeben wurden.

Eine Studie der Raiffeisen Research GmbH stellte im März fest, dass die Verschuldung der Ukraine in den vergangenen zwei Jahren um 49 Prozent gestiegen ist. Reich war das Land, in dem der monatliche Durchschnittslohn bei 280 Euro liegt, schon vorher nicht. Mit einem Minusgeschäft durch das Turnier rechnen mittlerweile fast alle, an den erhofften Aufschwung in der Zeit danach glaubt kaum noch jemand. »Die Ukraine wird keinerlei finanzielle Erträge oder einen signifikanten Aufschwung durch die EM erfahren«, sagt der russische Wirtschaftsanalyst Andrej Kolpakow.

Die Zeit nach der EM interessiert Platini wohl noch weniger. Das eigene, ganz große Geschäft der UEFA ist dann auch schon gemacht. Mit Einnahmen von 1,3 Milliarden Euro rechnet der Verband. Eine ähnliche Dimension wie vor vier Jahren bei der EM in Österreich und der Schweiz. Der letztendliche Gewinn belief sich 2008 auf rund 700 Millionen Euro. Der Großteil kommt auch in diesem Jahr aus dem Verkauf der Medienrechte: 840 Millionen Euro. Die Ware Fußball ist eben eine sehr gefragte. Prognostiziert werden weltweit 150 Millionen Fernsehzuschauer - bei jedem einzelnen EM-Spiel.

Wer solch ein wertvolles Gut besitzt, ist in einer guten Verhandlungsposition. Polen verzichtet auf hohe Steuereinnahmen, beispielsweise auf die durch Spielerprämien und Einkommen aller UEFA-Mitarbeiter. Warum? »Das war schon in den Anforderungen für die Kandidatur enthalten«, erklärte Malgorzata Broza, Sprecherin des polnischen Finanzministeriums.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken