Von Uwe Stolzmann
09.06.2012

Irrfahrt durch den Nachkrieg

Aharon Appelfeld - eine jüdische Jugend

Es wird eine mühevolle Fahrt, die hier 1946 beginnt, eine Reise durch eine Jugend nach dem Krieg. Der Reisende heißt Erwin, er wird bald siebzehn, ein Jude aus der Bukowina, Waise, seine Verwandten starben im Holocaust. Erwin hat knapp überlebt (»im Ghetto und in den Wäldern«), er kann nicht sagen, was er sah und wo er war; jetzt treibt der Ich-Erzähler ziellos durch Westeuropa. Sein Trauma äußert sich auf besondere Weise: durch Schlafzwang, Schockstarre.

Mit wachsendem Abstand zum Krieg verändert sich der Dauerschlaf. Bilder treten aus der Schwärze, bald sind die Träume so real wie die gleißend helle Nachkriegswelt. Schlafend sieht der Junge, was er verloren hat: das grüne Land im Osten. Er sieht das Elternhaus bei Czernowitz, ein Haus gutsituierter deutschsprachiger Juden, er redet mit Mutter und Vater, der ein obsessiver, wenn auch erfolgloser Dichter war.

In einem Flüchtlingslager am Strand von Neapel gerät Erwin in eine Gruppe junger Zionisten. Sie trainieren Härte und Ausdauer, sie wollen das Heilige Land erobern. Erwin soll ein »neuer Jude« werden, mit einer neuen alten Sprache, Hebräisch, und dem Alten Testament als Richtschnur; alles Vergangene soll er vergessen, die Düsternis von Ghetto und Wald, auch Herkunft und Heimat, sogar seinen Namen. Erwin heißt nun Aharon. Wie Aharon Appelfeld.

Tatsächlich: Die Geschichte des Jungen ist zu Teilen die Geschichte des Autors. Appelfeld, geboren 1932 in Czernowitz, jenem Landstrich, der rumänisch gewesen und heute ukrainisch ist, überlebt Ghetto und Todesmarsch, die Flucht, die Wildnis. Als Küchenjunge folgt er der Roten Armee gen Westen. 1946 gelangt er über Italien nach Palästina, wird in Israel Professor für Literatur. Seit den ersten Publikationen in den Fünfzigern schreibt er autobiografisch: Romane wie »Die Eismine«, »Blumen der Finsternis«, »Geschichte eines Lebens« mit wiederkehrenden Topoi, Namen und Figuren.

Der Aharon des jüngsten Romans kommt ebenfalls per Schiff nach Palästina, zusammen mit den Zionisten. Die Jungen arbeiten in einem Kibbuz, sie kontrollieren bewaffnet die Region. Bei einem Gefecht wird Erwin-Aharon verletzt, monatelang liegt er im Krankenhaus, dann bricht er auf: in den neuen Staat, Israel, und in ein neues Leben, ein Leben mit einer Mission - Schriftsteller zu werden wie der Vater.

Appelfelds Bücher werden oft gelobt, doch dieser Roman ist zähe Kost, ein Werk mit hohem Anspruch, aber voller Ungereimtheiten und Mängel. Ein bedrückender Text, und das liegt nicht am Stoff. Appelfeld stilisiert seinen Helden zum Archetypus des jüdischen Flüchtlings. Der Junge spricht wie eine Mythenfigur, er bewegt sich auch so, bleibt jedoch konturlos wie alle Protagonisten. Einzig die Toten zeigen Farbe und Profil, Vater, Mutter, die Geschwister der Eltern.

In Palästina gerät Aharon in einen neuen Krieg, doch dieser Bürgerkrieg wird nicht erklärt. Wer kämpft da gegen wen? Die Jugendlichen glauben an ein Anrecht auf Besiedlung; das Gelobte Land scheint menschenleer, abgesehen von »feindlichen Banden«, die es zu »vernichten« gilt. Ja, Erwin-Aharon spricht bald die Sprache der Fundamentalisten, aber eigentlich spricht hier der Autor mit dem Abstand der Jahrzehnte, er distanziert sich nicht. Auch die Diktion der Prosa missfällt - ein magerer Stil, aufgebläht mit Füllwörtern, Adjektiven, Wiederholungen.

Dennoch: Dies ist großer Stoff. Und gegen Ende des Buchs gibt es eine angenehme Überraschung. Aharon widersteht dem ideologischen Druck. Die Eltern im Traum machen Vorhaltungen, der Junge würde sie und die Heimat verraten, und so schreibt der werdende Schriftsteller über ein Tabu - die Vergangenheit. »Name meiner Mutter: Bunja. Name meines Vaters: Michael. Mein Geburtsort: Czernowitz. Der Name des Dienstmädchens: Viktoria. Die Droschke, die uns von der Stadt zum Dorf und zurück brachte, nannte man Fiaker. Mein Kosename: Erwinku.« Aharon schreibt über die lichte Weite der Bukowina, ihre Wiesen und Weiler, und siehe: Vor den Augen des Lesers werden die erträumten Dinge Wirklichkeit.

Aharon Appelfeld: Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Rowohlt Berlin. 285 S., geb., 19,95 €.

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