Von Hans-Dieter Schütt
11.06.2012

Apparate und wir

Telefon statt Couch?

Rück auch den schlichten Morgenweg zum Bäcker hoch ins Philosophische«, rät Albert Camus. Gut gesagt - dem Manne war das Denkvermögen in wahrlich anderer Dosis zugeteilt worden als uns Vielen, die wir in der Frühe, noch benebelten Sinns, Brötchen holen. Wozu der Schriftsteller aber ermuntern will: dass wir unsere Not, ein Bewusstsein zu besitzen, ein Ding, das nichts auf sich selbst beruhen lassen kann und uns fortwährend quält - dass wir diese Not, wo immer möglich, zur Lust steigern. Zur Lust auf einen Wechsel der Blick-Perspektive.

Wissenschaftler aus Chicago fanden jetzt heraus, dass die telefonische Betreuung von depressiven Patienten unter Umständen mehr bewirken kann als deren unmittelbare Begegnung mit dem Psychotherapeuten. Weil, kurz gesagt, Scheu schwindet.

Missachten wir für Sekunden den medizinischen, den psychologischen, den mobilitätstechnischen Fortschritt (per Telefon kann man große Entfernungen überwinden) - der Kasus erzählt auch dies: Die Menschheit rückt zusammen, der Einzelne aber bildet sein Ich womöglich mehr und mehr in der Abschirmung aus. Immer häufiger und heftiger werden Apparate zwischen die Menschen geschaltet, wenn das Wort »Konflikt« im Hirn aufleuchtet. Jeder hat für alles einen Anwalt - der schützt, der übernimmt, der macht direkte Gespräche unnötig, weil diese vom jeweils Betroffenen als Belastung empfunden werden.

Von Angesicht zu Angesicht? Veraltete Dramatik, wir verlieren einander. Wir reden beiseite, wir sprechen auf Band, wir melden uns über Dritte, alles Körperliche verflüchtigt sich ins Digital, der Mensch mailt, ist User, quakt ins Handy (und offenbart da eine Schamlosigkeit, die in phänomenalem Widerspruch steht zu sonstiger Abkehr von einem unmittelbar gelebten Sozialkreis).

Die Bedingungen unserer Leiblichkeit, zu denen die Psyche gehört, bilden die wesentliche Grenze unserer Freiheit. Es herrscht die Illusion, technisches Engineering könne diese Grenze überwinden. Aber wir können nicht aus unserer Haut, die auf der einen Seite dünner, auf der anderen Seite tiefer und pressender in den Panzer der Entfremdung versenkt wird. Die manisch Knöpfe drückt, um sich vor der Wahrheit zu drücken.

Nun ersetzt das Telefon sogar auf vielversprechende Weise die Couch. Freilich: Alles, was hilft, was rationalisiert, was Mühe spart, das gilt und ist also gut. Wir wollten aber kurz mal die Perspektive wechseln. Und sehen demnach: Seine eigene Gesellschaftlichkeit durchschaut der Mensch weniger leicht als neue Möglichkeiten in speziellen wissenschaftlichen Disziplinen. Vom Schriftsteller Dietmar Dath stammt der Satz: »Wir müssen die Gesellschaft so einrichten, dass sie ihre eigenen Fortschritte erträgt.« Der Clou mit der telefonischen Behandlung zeigt den Gegenverkehr an. Die neu bestaunte Therapie ist Teil jener bösen Krankheit, die epidemisch um sich greift.

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