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12.06.2012

»Stahlhelm, Stahlhelm, Stahlhelm - Blauhelm, Braunhelm, Flickschelm«

Marginalien zur Fußball-EM - Heute: ANDREAS GLÄSER

»Stahlhelm, Stahlhelm, Stahlhelm - Blauhelm, Braunhelm, Flickschelm«. Mir war zum Beginn meiner 9. EM zum Reimen zumute. Deutschland besiegte Portugal, ich verballerte in Berlin meine Sylvester-Reste, und in Lwiw gaben sich meine Landsleute mit Knüllpapier zufrieden. Nun drohen die UEFA-Alliierten mit der Spaltung Leverkusens. Aufregend wird es während der K.O.-Runden. Hoffentlich handeln die Elektropostgrüße meiner reiselustigen BFC-Kumpels, die unsere Bundesrecken im teuren Osten unterstützen, weiterhin von netten Einheimischen.

Doch wie verhalten sich die hiesigen Provinz-Jogis zu den hauptstädtischen Dynamos? Am letzten Freitag wurde in Berlin-Mitte, im Bildungszentrum eines überbezahlten Bundesbeauftragten, eine Ausstellung eröffnet: »Stasi am Ball - DDR-Fußball und Staatssicherheit«. Wobei es nicht um den Sport zwischen Ahlbeck und Zittau geht, sondern nur um Erich Mielke, den BFC Dynamo und Hohenschönhausen. So klein war die Sogenannte also. Und gibt es dazu nicht schon ein Theaterstück, einige Bücher und hundert Google-Potpourris in Zeitungsartikelform? Wozu nun dieses zeitlich und regional eingeengte Gruselkabinett? Neu wäre zum Beispiel eine Ausstellung zu den Eishockey-Dynamos. Fürchten die Tempelstufenhocker um ihre Häppchen und Schnäpschen beim Nachfolger, dem EHC Eisbären?

Aber ich nehme es vorweg: Die für diese Ausstellung befragten Fußballer, Fans, Schiedsrichter und Journalisten äußern sich in den Audio-Dokumenten authentisch und fair. Der Buchautor und FC-Carl-Zeiss-Jena-Fan Frank Willmann sieht den BFC relativierend als einen von sechs privilegierten DDR-Fußballclubs. Für die Fans Raimo und Ralf war jeder Verein von der Partei gesteuert, egal ob er Hell-, Dunkel- oder Weinrot trug. Der ehemalige Spieler und spätere Trainer des BFC, Christian Backs, zeigt sich als eine Ausnahmepersönlichkeit unter den früheren und halbwegs aktuellen Dynamos: Er versteht es, sich im Hier und Heute intelligent zu positionieren. Weil der Verein solche Kräfte nicht zu halten versteht, schmort er in Liga 5.

Logisch, die Ausstellung erwähnt DDR-Spieler, die aus der Provinz in die Hauptstadt delegiert wurden und einen Neuwagen bekamen. Na und? Heutzutage fangen sich die Münchner und Hamburger viele Südamerikaner und beglücken sie mit einem Konvoi.

Mau fand ich die Kopien der Akten, die sich mit den Fans beschäftigen. Seltsam, dass das MfS aufgrund solchen Unsinns zu den führenden Geheimdiensten der Welt zählte. Mein Fanclub »The Bobbys« gründete sich nicht 1984, sondern Jahre zuvor. Wir arbeiteten nicht überwiegend als Köche, sondern als Bauarbeiter. Eine führende Krawallcombo waren wir nicht wirklich, aber danke.

Nach meiner Visite kaufte ich mir zur Beruhigung eine CD von Chet Baker. Bei der EM bin ich weiterhin für Deutschland, auch wenn die Deutschen zu doof sind, sich ein Beispiel an Russland zu nehmen - wo die Riesen Dynamo, ZSKA und Spartak über die Jahrzehnte und Systeme hinweg in der 1. Liga gehalten werden.

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