Von Tobias Riegel
13.06.2012

Einer ist keiner

Volker Ludwig - Gründer, Autor und Übervater des GRIPS-Theaters - wird heute 75

Sie rollt und rollt und rollt. Seit der Jungfernfahrt von 1986 auf der Bühne des GRIPS Kinder- und Jugendtheaters ist die »Linie 1« kreuz und quer durch die Republik und mehrfach rund um den Globus gefahren. Im Gepäck: deutsch-nationale Witwen, naive Provinzler, abgezockte Großstädter und ganz viel Musik. Der unglaubliche Erfolg des Stückes raubt zwar einerseits zahlreichen anderen - wie manche sagen: besseren, radikaleren - GRIPS-Werken die Aufmerksamkeit. Andererseits ist es genau diese bei »Linie 1« besonders perfekt getimte und -dosierte Mischung aus Realismus und Gefühl, Morallehre und Musical, die das Theater am Hansaplatz schon lange vor dem Mega-Theater-Hit weltberühmt machte.

Und ihren Gründer, Autor und Leiter gleich mit: Volker Ludwig galt - natürlich auch wegen der über 1500 Vorstellungen von »Linie 1« allein am GRIPS-Theater und etwa 150 Nachinszenierungen - lange Jahre als meistgespielter Autor im deutschsprachigen Raum - gleich nach Shakespeare, Brecht und Molière. Seine Stücke wurden in 40 Sprachen übersetzt. Heute wird der in Thüringen aufgewachsene, 1953 nach West-Berlin übergesiedelte Ludwig 75 Jahre alt.

Auch wenn er für das GRIPS genau das ist - den Begriff »Übervater« würde Ludwig sicherlich von sich weisen. Schließlich dichtete er bereits 1971 im Stück »Balle, Malle, Hupe und Artur«: »Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer, sind wir aber erst zu dritt, machen alle andern mit«. Das Stück über gegängelte Jugendliche und pubertäre Einsamkeit, das damals mit dem Gebrüder-Grimm-Preis geehrt wurde, erarbeitete Ludwig denn auch gemeinsam mit einem Kollektiv. Es war der Startschuss für die vielleicht kreativste Phase des Autors, der zuvor für das politische Kabarett schrieb - etwa die »Stachelschweine« oder die »Münchner Lach- und Schießgesellschaft« - und Mitte der 60er Jahre mit dem »Reichskabarett« ein erstes eigenes Haus gründete. Bereits mit den Stücken »Mannomann!« (1972), »Doof bleibt doof« (1973) und »Ein Fest bei Papadakis« (1973) legte Ludwig bis heute gültige, hohe Standards für ein neues linkes Kindertheater jenseits der bis dahin praktisch konkurrenzlosen Märchenaufführungen.

Und Ludwig führte die politische Agitation auf der Kinderbühne ein. Statt der »Moral von der Geschicht'« schmetterten die Schauspieler nun in Songs: »Ach wäre das nicht fabelhaft: Meins und Deins wird abgeschafft« oder »Man muss sich nur wehren, und auf Gebrüll am besten gar nicht hören«. Kein Wunder, dass Konservative den »kommunistischen Kinderverderber« Ludwig in den 70er Jahren am liebsten von der Bühne verbannt hätten. Wollte der mit seinem »Mut-mach-Theater« doch bereits bei den Kleinen den »Spaß am Denken« wecken. Solche Grabenkämpfe wurden aber schnell aufgegeben, auch angesichts des durchschlagenden Erfolgs des GRIPS-Kollektivs, mit dem man sich mittlerweile lieber schmückt. Zumal das nicht ganz so politische »Linie 1« das Profil der Bühne in der Öffentlichkeit erheblich geglättet hat. Mittlerweile würde man sich über (früher undenkbare) Glückwünsche der CDU oder Würdigungen durch die »BZ« gar nicht mehr wundern.

Diese Wertschätzung auch durch den konservativen Mainstream schützt die Bühne aber leider nicht vor chronischer Unterfinanzierung, die vor einigen Wochen fast zum Kollaps des Theaterbetriebs geführt hatten. Nur ein Appell Ludwigs und eine beispiellose Solidaritätswelle von in ihrer Kindheit wahrscheinlich selber GRIPS-infizierten Eltern konnte den Senat zur rettenden, zusätzlichen Geldspritze bewegen.

Die künstlerische Leitung »seines« GRIPS hat Ludwig bereits vergangenes Jahr im Zuge einer »freundlichen Übernahme« an Stefan Fischer-Fels abgegeben. Doch der Jubilar ist weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. Bereits nächstes Jahr soll es ein neues Ludwig-Stück für Kinder geben.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken