Von Horst Haase
14.06.2012
Literatur

Starb er an Deutschland?

Heinrich Wiegand: »Am schmalen Rande eines wüsten Abgrunds«

Er starb 39-jährig im italienischen Exil, Ende Januar 1934, kaum ein Jahr, nachdem er seine Heimatstadt Leipzig fluchtartig hatte verlassen müssen. Die Krankheit war nicht exakt zu diagnostizieren - starb er »an Deutschland«, wie Thomas Mann schrieb? Der Titel des Buches, das uns jetzt mit seinem Werk bekannt macht, verweist eben darauf: »Am schmalen Rande eines wüsten Abgrunds« hatte Heinrich Wiegand sein Land schon im November 1931 gesehen; nun war es in die faschistische Barbarei gestürzt.

Wer war Heinrich Wiegand, der dies nicht ertrug? Der fähige Publizist war bis 1928 als Volksschullehrer tätig, hatte das Grauen der Materialschlachten im ersten Weltkrieg erlebt und schrieb seit Beginn der zwanziger Jahre vor allem in der sozialdemokratischen »Leipziger Volkszeitung«, auch im »Berliner Tageblatt», der »Weltbühne«. Auf den Brettern des Kabaretts diente er seinen Freunden als gewandter Pianist, mit dem Zeichner Max Schwimmer gemeinsam gestaltete er manche Zeitungsseite (aus dieser freundschaftlichen Beziehung entstammt auch das Porträt Wiegands auf dem Umschlag des Buches).

Hauptsächlich aber war er Literatur- und Musikkritiker, wie auf die Buch- und Musikstadt Leipzig zugeschnitten. Schon früh hat er über Kafka geschrieben, den er verehrte, als an dessen Weltruhm noch nicht zu denken war. Hermann Hesse hat er bereits damals gewürdigt als jenen kritischen Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft, der nach dem zweiten Weltkrieg Furore machte; mit ihm übrigens stand Wiegand in intensivem Kontakt, der auf gegenseitiger Hochschätzung beruhte. Auch Autoren wie Tolstoi, Conrad, Hamsun, Thomas Mann empfiehlt er nachdrücklich, und unter den ihm politisch Nahestehenden sind es Renn, Remarque, Brecht, auch Weinert ist ihm ein »kräftig Aktuelles packender Satiriker«. Oskar Maria Graf und Emil Ginkel würdigt er als proletarische Schriftsteller, die seinen literarischen Ansprüchen gerecht werden.

Zahlreicher aber sind die Texte über das reichhaltige und vielseitige musikalische Leben damals in Leipzig, auf das er auch als Mitarbeiter in den Institutionen der Arbeiterbildung direkt gestaltend Einfluss genommen hat. Ob Konzert oder Opernpremiere, Matthäuspassion oder Jazztaumel, Operette oder Arbeiterchor, Wiegands kritische Reflexionen sind von höchster Präzision, tiefem Verständnis und einer sehr anschaulichen Darstellung. Wie kunstsinnig und tiefgründig er das jeweilige Werk bis in die feinsten Nuancen hinein interpretiert, wie er die Aufführung ausgewogen beurteilt, den Musikern und den Dirigenten gerecht wird und schließlich selbst aus den Reaktionen des Publikums noch sinnvolle Folgerungen ableitet, das liest man mit größtem Respekt. Besonders bemerkenswert: nicht nur das klassische Musikerbe, sondern auch die musikalische Moderne. Strawinsky, Weill, Hanns Eisler sucht er dem eher zum Traditionellen neigenden Arbeiterpublikum zu erschließen.

Der Rolle des Radios für die Musikverbreitung gilt seine Aufmerksamkeit. Der Musikkritiker Wiegand mischt sich ein in die Auseinandersetzungen, die das Musikleben und die kulturelle Öffentlichkeit bewegten, verteidigt Brecht/Weills »Mahagonny« gegen reaktionäre Angriffe und führt einen anhaltenden Kampf gegen die Wagnerianer, die ihr Idol unter nationalistischer Perspektive bejubeln. Bei aller Anerkennung des musikalischen Genies Richard Wagners greift Wiegand in den Streit um dessen Werk häufig auch zu ironischen und scharfen satirischen Formulierungen. Nicht zuletzt darin wird seine unerschütterliche Position im Kampf gegen den vaterlandsseligen Patriotismus und den Antisemitismus dieser Jahre deutlich, die mit dem heraufziehenden Faschismus dann neue Qualitäten erreichen.

Als Kritiker nimmt sich Wiegand eher zurück, geht es ihm in erster Linie um das, was er seinen Lesern vorstellt, was geleistet oder weniger gelungen ist und wie es einzuordnen und zu werten sei. Neben den kritischen Arbeiten sind in der Auswahl auch eine Reihe feuilletonistischer Beiträge und kleine Reportagen vorgestellt, die aufschlussreiche Einblicke in das zeitgenössische Leben vermitteln, den aufmerksamen Blick und das bemerkenswerte sprachliche Vermögen des Autors bezeugen.

Diese seine publizistische Arbeit betrachtete Wiegand vor allem als Dienst an den arbeitenden Menschen. »Kulturwille« hieß die Zeitschrift des Leipziger Arbeiterbildungsinstituts, für die er neben der LVZ am meisten schrieb und deren Redaktion er in der kritischsten Zeit 1932/33 leitete. Seine Texte reflektieren die enorme Bildungsarbeit, die in diesen Jahren, von der Sozialdemokratie inspiriert, geleistet wurde. Wiegand engagiert sich darin als ein linker Intellektueller, der zwar die Oktoberrevolution als eins der »kühnsten Experimente« bezeichnet, aber dennoch auf jenen Teil der Arbeiterbewegung orientiert ist, der »nicht anarchische Zerstörung, sondern geordnete Erhöhung erstrebt«. Im März 1933 allerdings erscheint ihm die Vertrauensseligkeit einiger Führer der Sozialdemokratie »nicht gerade rühmlich«. Es sind die Tage, in denen er Heinrich Heine zitiert: »Nur manchmal knallt's - ist das ein Schuß? / Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.«

Der Herausgeber Klaus Pezold hat aus den nahezu 1000 Veröffentlichungen Heinrich Wiegands eine Auswahl getroffen, die uns den Autor gründlich kennen lernen lässt und uns den Menschen nahe bringt. Dazu trägt auch das ins-truktive Nachwort bei (bei dem er sich auf seine 2011 erschienene Biografie Wiegands stützen kann). Der Verlag hat den fast Vergessenen mit einem gediegenen Buch gewürdigt. - Heinrich Wiegand konnte nur ein Jahrzehnt lang wirken. Dennoch zeichnet sich in seinen Arbeiten eine Kritikerpersönlichkeit ab, die den Vergleich mit einem Alfred Kerr oder Hans Sahl nicht zu scheuen braucht.

Heinrich Wiegand: Am schmalen Rande eines wüsten Abgrunds. Gesammelte Publizistik 1924-1933. Hg. von Klaus Pezold. Lehmstedt Verlag. 429 S., geb., 24,90 €.

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