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Von Hans-Gerd Öfinger
15.06.2012

Neckermann unmöglich

Belegschaft wehrt sich mit Arbeitskampf gegen drohende Massenentlassungen

Mit Warnstreiks und einem Alternativplan wehrt sich ver.di gegen die Schließung von Neckermann-Töchtern in Frankfurt am Main. Doch die Geschäftsführung bleibt hart.

Nach dem eintägigen Warnstreik von 500 Beschäftigten des traditionsreichen Frankfurter Großversandhauses Neckermann im Frankfurter Osten am vergangenen Montag geht der Kampf weiter. Wie der Frankfurter ver.di-Sekretär Wolfgang Thurner auf Anfrage bestätigte, ist in den kommenden Tagen Wochen mit kurzfristig anberaumten Streikaktionen zu rechnen. »Die Belegschaft ist jedenfalls kampfbereit und lässt sich nicht einfach vom Hof jagen«, sagte der Gewerkschafter.

Zum Warnstreik aufgerufen waren die Belegschaften der auf dem Firmengelände angesiedelten Neckermann-Töchter Happy Size Company, Neckermann Contact Customer Services, neckermann.de und Neckermann Logistik. Letztere war einen Tag lang weitgehend gelähmt. Die Streikenden demonstrierten durch den Stadtteil Fechenheim. Hupende Autofahrer, Bus- und Straßenbahnfahrern ermutigt sowie Belegschaften anderer Betriebe aus dem ver.di-Organisationsbereich solidarisierten sich.

Der Streit dreht sich um geplante Massenentlassungen von gut 1500 der 2000 Beschäftigten in Frankfurt. Das Management möchte die Logistiksparte schließen und das eigene Textilsortiment sowie die Printwerbung aufgeben. Betriebsrat, Belegschaft und ver.di wollen sich damit nicht abfinden. Sie kritisieren eklatante Managementfehler und wollen mit einem Alternativplan für eine deutlich bessere Auslastung der Logistik- und Versandkapazitäten sorgen. Mögliche Kunden und Nutzer der Anlage seien andere Textilfirmen, die in den Versandhandel einsteigen wollten. Damit der den weiteren Bestand der großen Paketversandanlage gesichert und deren drohende Verschrottung verhindert werden. Nach einer Übergangsphase könne das Konzept bis Ende 2013 greifen.

Die Geschäftsleitung zeigt indes weiterhin keine Bereitschaft, der gewerkschaftlichen Forderung nach einem Sozialtarifvertrag und insbesondere nach angemessener Abfindung bei Arbeitsplatzverlust und einer Qualifizierung im Rahmen einer Transfergesellschaft entgegen zu kommen. Die gründlich durchdachten Alternativvorschläge der Beschäftigten zur Erhaltung der Arbeitsplätze seien »mit dieser Geschäftsleitung und mit diesen Eigentümern nicht machbar«, befürchtet Thurner.

Das Versandhaus gehört seit 2007 dem US-Investor Sun Capital Partners. Wie aus der Umgebung der Chefetage zu hören war, setzt die Geschäftsführung darauf, den Widerstand der Angestellten mit dem gezielten Hinweis auf eine angeblich drohende Insolvenz zu unterlaufen.

Bis auf die Firmenbezeichnung hat Neckermann längst nichts mehr mit der gleichnamigen Unternehmerfamilie zu tun. Der 1992 verstorbene Firmengründer und Ex-NSDAP-Mann Josef Neckermann hatte im NS-Regime mit der Enteignung jüdischer Textilunternehmer, dem Einsatz von Zwangsarbeitern und der Lieferung von Uniformen für Wehrmachtssoldaten seinen unternehmerischen Aufstieg begründet. Einen »Entnazifizierungsprozess« überstand er mit einer Geldbuße von 2000 Mark relativ glimpflich. Ab den 50er Jahren entwickelte er den angesiedelten Versandhandel zu einem Mischkonzern, der mit der Parole »Neckermann macht's möglich« zu einem Inbegriff des westdeutschen Wirtschaftsaufschwungs wurde. Als der Konzern in den 70er Jahren Rückschläge erlitt und mehrheitlich an Karstadt verkauft wurde, zogen sich die Familienmitglieder aus der Geschäftsführung zurück.

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