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Von Jirka Grahl, Kiew
15.06.2012
Gruppe B

Bei Spanien abgekupfert

Die deutsche Mannschaft will die Jagd nach dem Titel augenscheinlich defensiver angehen als zuletzt

Sneijder, Afellay, van Persie, Robben, van der Vart, Huntelaar: Ein halbes Dutzend der besten Offensivspieler Europas waren das, die da am Mittwochabend immer wieder gen Manuel Neuers Tor aufbrachen: Doch dort wo es spannend wird, in der Zone ab 25 Metern vor dem Tor, fiel den niederländischen Fußballstars nichts mehr ein.

Ganz im Gegensatz zu Mario Gomez. »Ich habe drei Tage nur auf die Fresse bekommen. Das war nicht schön«, sagte Gomez nach seinen Turniertreffern zwei und drei (24. und 38. Minute). Die entscheidende Erkenntnis aus dem 2:1-Sieg am Mittwochabend ist aber nicht, dass Gomez eine unsägliche Diskussion beendet hat, die ein TV-Kommentator mit zwei übermütigen Sätzen unabsichtlich ausgelöst hatte. Sondern die Erkenntnis, wie das Trainerteam den Weg ins Finale bestreiten will: Eher defensiv, mit absoluter Ballkontrolle, Warten auf den freien Raum, Tempowechsel und bitte: unbedingt das erste Tor machen! Statt des fröhlichen Hurra-Fußballs des Jahres 2010 soll bei dieser Europameisterschaft mit Cleverness gesiegt werden.

»In der so genannten Todesgruppe sechs Punkte zu haben, das ist mal eine gute Leistung«, sagte Bundestrainer Joachim Löw, der am Dienstagabend in Charkow mit einem kurzen Aufblitzen von Übermut überrascht hatte, als er einen Balljungen mal eben im Vorbeigehen die Kugel aus der Hand schnippte. Der Junge staunte, Löw lächelte: Je konzentrierter seine Spieler agieren, desto lockerer ihr Trainer. Ihm gefiel der Abend sichtlich: »Denen ist wenig eingefallen«, urteilte der 52-Jährige über die Mannschaft des Vizeweltmeisters.

Die Kontrolltaktik hat der Bundestrainer ein wenig bei den Spaniern abgekupfert: Zumindest ist es unbestreitbar, dass Andres Iniesta und Co., als sie 2010 Weltmeister wurden, in sieben Spielen nur zwei Treffer kassierten. Die Grundlage dafür schaffen stets die, die noch vor der Abwehr ihr Werk verrichten. In Charkow war denn auch Sami Khedira der entscheidende Mann in der DFB-Elf. Wie der »Sechser« auch gestern wieder für Effektivität im Mittelfeld sorgte, war beeindruckend. Im Zusammenspiel mit Mesut Özil, Thomas Müller, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger funktionierte der 25-Jährige zuverlässig, beinahe jeder Pass kam an, kaum ein Zweikampf ging verloren. Die Niederländer bissen sich ein ums andere Mal fest.

Dass Arjen Robben für seine Auswechslung die gegenüberliegende Seite wählte, von wo aus er wütend eine unfreiwillige Ehrenrunde durchs Metaliststadion drehte, lag wohl nicht nur in der Wut auf Bondscoach Bert van Marwijk begründet. Sondern auch in dem Bewusstsein der fehlenden Produktionsmittel. In manchen Momenten war die Ratlosigkeit bis auf die Ränge des Stadions zu spüren, wo die nominell deutlich überlegenen Oranjes immer weniger Freude am Spiel fanden. Seit zehn Jahren haben die Niederländer nun schon nicht mehr gegen Deutschland gewinnen können, nach der zweiten Niederlage ist das Weiterkommen der Oranjes nur noch schwer möglich.

Dass trotz der beiden Erfolge über zwei EM-Titelfavoriten die Teilnahme am Viertelfinale für die DFB-Elf noch nicht feststeht, ist einer der kuriosen Folgen der Reglementänderungen, nach der bei gleicher Punktzahl die bessere Punktzahl aus den direkten Duellen gewertet wird, und danach die Tordifferenz aus den direkten Duellen. In der Gruppe B werden demnach am Sonntag sowohl in Charkow (Niederlande - Portugal) als auch in Lwiw (Deutschland - Holland) die Taschenrechner auf den Trainerbänken gezückt werden. Allerdings sind die Deutschen dank ihrer Erfolge immerhin in der besten Ausgangslage: Ein Unentschieden gegen die Dänen reicht sicher zum Gruppensieg.

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