15.06.2012

Ohne Vertrauen kein Gemeineigentum

Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom über Alternativen zu Markt und Staat

Die in dieser Woche an Krebs gestorbene US-Sozialwissenschaftlerin Elinor Ostrom war in den vergangenen Jahrzehnten die wohl bedeutendste Forscherin auf dem Gebiet der gemeinschaftlichen Nutzung von Ressourcen. Anhand unzähliger Beispiele aus aller Welt konnte sie die in der Wissenschaft als gesetzt geltende Behauptung widerlegen, Gemeineigentum zerstöre auf Dauer Weideland oder Fischbestand. Im Jahr 2009, als mit der Finanzkrise auch die herrschende ökonomische Lehre in die Krise geriet, erhielt Ostrom als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis. Bis zuletzt blieb sie Optimistin, wie dieses Interview deutlich macht, das Urs Fitze im Mai 2012 führte.

nd: Es ist besser, die Komplexität der Welt zu verstehen und einen Weg zu finden, damit umzugehen, als sie einfach zu negieren - so lautete einer der Kernsätze in Ihrer Nobelpreisrede 2009. Wie verhalten sich Politiker und Wirtschaftstreibende?
Ostrom: Der Mainstream geht sicher in Richtung viel zu starker Vereinfachung, sei es in der Politik, sei es in der Wirtschaft, und das entspricht auch weitgehend der neoklassischen Lehre. Dabei ginge es doch zuerst einfach mal darum zu akzeptieren, dass die Dinge, seien sie physischer oder psychischer Natur, einfach mal kompliziert sind. Vereinfachungen führen nur zu gern zu falschen Schlussfolgerungen.

Woran liegt das?
Schwer zu sagen. Ich kann nur als Sozialwissenschaftlerin antworten, die seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der Gemeingüter und deren Bewirtschaftung forscht und zum Schluss kommt, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, auch außerordentlich komplexe Herausforderungen gemeinschaftlich zu meistern, wenn man sie nur lässt. Über viele Jahre wurden meine Forschungsergebnisse von den meisten Kollegen aus der Wirtschaftswissenschaft praktisch ignoriert. Es wurde einfach behauptet, der Mensch sei nicht in der Lage, gemeinsam Lösungen für komplexe Probleme zu erarbeiten. Man sprach von der »Tragik der Allmende«, die an den überhöhten Ansprüchen der Nutzer zugrunde geht, hielt an Modellen fest, die von dieser falschen Annahme ausgingen, und kam zu Schlussfolgerungen, die stets darauf hinausliefen, entweder den Staat oder die private Wirtschaft als lenkende Kraft anzurufen.

Hat sich mit der Nobelpreisverleihung an Sie etwas an dieser Missachtung geändert?
Ja, schon. Ich und meine Kollegen werden jetzt sicher verstärkt wahrgenommen. Aber es bleibt noch viel zu tun.

Ein anderes Ihrer Schlüsselworte heißt Vertrauen. Warum ist Vertrauen bei gemeinschaftlichem Eigentum so wichtig?
Weil man ohne gegenseitiges Vertrauen nicht zusammenarbeiten kann. Die gemeinsame Nutzung von Weiden in den Schweizer Alpen konnte doch nur über so lange Zeiträume funktionieren, weil die Menschen bereit waren zur Zusammenarbeit - und weil sie einander vertrauten. Vertrauen gibt es aber nicht einfach als Vorschuss. Vertrauen muss man sich erarbeiten, und Vertrauen kann nur wachsen, wenn man gemeinsam Regeln definiert, die Spielräume absteckt und auch dafür sorgt, dass es Sanktionen für jene gibt, die sich nicht daran halten.

Wie wird man jenen Herr, die nur Ausplündern im Kopf haben?
Wenn ich die Ressourcen nicht übernutzen soll, muss ich tatsächlich darauf vertrauen können, dass der andere sie auch nicht übernutzt. Wenn ich mich gut verhalte, der andere aber nicht, bin ich schlicht ein Dummkopf, wenn ich mich nicht zur Wehr setze. Und Menschen wollen keine Dummköpfe sein. Man hat in meiner Wissenschaft immer angenommen, dass man den Staat braucht, die großen Männer mit den Gewehren, die uns befehlen, was wir in solchen Dingen zu tun und zu lassen haben. Doch dem ist nicht so. Ich habe überall auf der Welt Beispiele gefunden, die zeigen: Die Menschen finden ihren eigenen Weg. Man muss sie nur lassen. Es ist ihre Sache. Lassen wir sie selbst Wege finden, ihre Regeln zu definieren, so dass sie auch über lange Zeiträume funktionieren und flexibel genug sind. Dann wächst auch das Vertrauen.

Es ist nicht der Staat, nicht die Privatwirtschaft, es braucht etwas dazwischen, wenn Gemeingüter nachhaltig bewirtschaftet werden sollen, lautet die Kernbotschaft Ihrer Forschung. Dieses Etwas ist komplex, es muss ausverhandelt und entwickelt werden. Gibt es so etwas wie eine ideale Lösung?
Nein, es gibt keine ideale Lösung, es gibt auch keinen Modellfall. Das ist die Erkenntnis, mit der wir leben müssen und aus der es Lehren zu ziehen gilt. Ich kann Ihnen von vielen Beispielen erzählen, die ganz unterschiedliche Lösungen mit sich bringen, sie funktionieren aber eben nur in diesem Einzelfall. Ein Modell lässt sich daraus nicht ableiten. Wir können einzig den Rahmen definieren, die wichtigsten Bedingungen, die es einzuhalten gilt. Umsetzen müssen die Menschen das selbst in der Form, die zu ihrer Gemeinschaft passt. Wir müssen diese Verschiedenheit anerkennen und darauf aufbauen, um die Verschiedenheit der Welt bewältigen zu können. Es gibt jenseits von Staat und Markt die institutionelle Vielfalt. Dort liegt die Lösung.

Aber lassen sich denn Erkenntnisse, wie sie aus der gemeinsamen Bewirtschaftung von Allmenden im Wallis gewonnen haben, auf die weltweiten Klimaverhandlungen, bei denen es um die gemeinschaftliche Bewirtschaftung der Atmosphäre geht, übertragen?
Ja und Nein. Natürlich lässt sich die Lösung, wie sie im Walliser Bergdorf Törbel entwickelt wurde, nicht einfach auf ein globales Problem übertragen. Aber die Grundsätze bleiben stets dieselben: Es geht um klare Grenzen zwischen Nutznießern und jenen, die nicht beteiligt sind, Kosten und Nutzen müssen sich für alle die Waage halten, Entscheidungen sind gemeinschaftlich zu treffen und es braucht eine wirksame Überwachung. Natürlich sind die Klimaverhandlungen extrem schwierig zu führen, und Lösungen nur sehr schwer, wenn überhaupt, zu erreichen. Ich plädiere deshalb auch dafür, den lokalen und den globalen Weg zu gehen, um Gemeingüter wie die Atmosphäre zu verwalten. Denn wenn man sich auf globaler Ebene nicht finden kann, heißt das ja nicht, dass Kommunen oder auch Einzelpersonen nicht selbst etwas unternehmen sollten, um die Klimagasemissionen zu reduzieren. Die Klimaziele, die in meinem Land in der Bundeshauptstadt definiert werden, müssen doch auch in den Bundesstaaten umgesetzt werden, selbst dann, wenn Washington sie nur halbherzig vorgibt. Es geht letztlich auch darum, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern etwas zu tun. Im Idealfall mag es gelingen, vernetzte Strukturen zu entwickeln, in die die verschiedenen Beteiligten auf allen Ebenen eingebettet werden.

Können globale Probleme an der Basis gelöst werden?
Ich weigere mich, das nicht zu glauben. Nichts zu tun wäre sicher die schlechteste aller Lösungen. Wir haben ja aus der Geschichte genügend Beispiele, bei denen es gelungen ist, Gemeingüter über lange Zeiträume gemeinschaftlich zu verwalten, ohne damit die Grundlagen einer Gesellschaft und ihrer Wirtschaft zu zerstören.

Die ältesten Genossenschaften der Welt kümmerten sich in den Niederlanden um den Bau und Unterhalt der Deiche als gemeinschaftlichem Gut. Sind Genossenschaften dafür besser geeignet?
Genossenschaften sind von sehr großer Bedeutung für die Gemeingüter, aber ich möchte auch betonen, dass sie nicht alleine selig machen. Auch Genossenschaften scheitern am Grundproblem der Komplexität. Deshalb kommt es für mich nicht entscheidend auf die Organisationsform an, sondern es geht darum, ob die essenziellen Fragen gestellt und beantwortet werden.

Was ist der Vorteil von Genossenschaften?
Sie sind schon von ihrem Konzept her zum Teilen angelegt, und darum geht es im Wesentlichen, wenn wir von Gemeingütern sprechen. Jeder Genossenschafter hat Nutzungsrechte und geht Verpflichtungen ein. Es gibt Sanktionsmechanismen für jene, die sich nicht an die Abmachungen halten, es gibt auch gewisse Kostenvorteile und demokratisch gewählte Gremien. Das sind schon mal wichtige Voraussetzungen für die Nutzung von Gemeingütern. Genossenschaften kriegen immer dann Probleme, wenn sie zu schnell wachsen. Man tut gut daran, sich nicht allzu hohe Ziele zu setzen und am Boden zu bleiben.

Soziale Unternehmer möchten das Geschäft und gesellschaftliches Engagement in Einklang bringen. Was halten Sie davon?
Ich sehe einiges Potenzial. Aber so richtig etabliert haben sich die sozialen Unternehmer noch nicht, und der Beweis, dass sie mehr sind als eine vorübergehende Erscheinung, steht für mich noch aus.

Könnte das Konzept des »Social Business«, wonach Unternehmen soziale und ökologische Probleme lösen sollen, statt nur auf Gewinne zu schielen, Probleme lösen?
Da wäre ich zurückhaltend. Nicht, weil Social Business nicht eine gute Sache wäre. Aber wie schon gesagt: Die Dinge sind sehr komplex. Für mich haben soziale Unternehmer einen wichtigen Platz im Gefüge, aber es ist letztlich wie mit anderen Organisationsformen: Es sind die beteiligten Menschen, die entscheiden sollen, welchen Weg sie gehen. Diese Selbstverwaltung kann viele Formen annehmen, und auch ein soziales Unternehmen kann eine sehr gute Lösung sein.

Die Welt schlägt sich mit Klimawandel, Hunger, Armut und Ungleichheit herum, deren Lösung dringlicher ist denn je. Brauchen wir nicht den großen Wurf?
Sie meinen eine Art Weltkonsens oder Weltregierung? Nein, das halte ich für schlicht nicht machbar, weil es nicht funktionieren kann und letztlich auch nicht durchsetzbar wäre. Denn von oben nach unten lässt sich nichts durchsetzen, und sei es noch so gut gemeint: Das zeigen unsere Forschungsergebnisse eindrücklich.

Und von unten nach oben?
Das ist wesentlich vielversprechender. Wir müssen es nur versuchen und bereit sein, uns auseinanderzusetzen. Und die Mächtigen müssen uns lassen.

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