Von Martin Koch
16.06.2012

Langer Schatten des Misserfolgs

Sportwissenschaftler analysieren die Psychologie des Elfmeterschießens

Eine der bekanntesten Fußballweisheiten lautet: Wer im gegnerischen Strafraum gefoult wird, sollte den fälligen Elfmeter nie selbst schießen. Dass viele Menschen diesen Ratschlag für begründet halten, lässt sich psychologisch erklären: Ein gefoulter Spieler, der einen Strafstoß vergibt, bleibt eher im Gedächtnis haften als jemand, dem als nicht gefoulten Spieler das gleiche Missgeschick widerfährt.

Hinzu kommt, dass aus einer häufig wiederholten Warnung leicht eine »sich selbst erfüllende Prophezeiung« werden kann. Das heißt: Ein gefoulter Spieler fühlt sich am Elfmeterpunkt durch die ihm bekannte Fußballweisheit so unter Druck gesetzt und verunsichert, dass er den Ball erst recht verschießt.

Folglich sollte man eigentlich annehmen, dass ein gefoulter Elfmeterschütze weniger erfolgreich ist als laut Statistik zu erwarten wäre. Ob das tatsächlich zutrifft, haben Wissenschaftler der Universität Halle-Wittenberg anhand von 853 Foul-Strafstößen untersucht, die zwischen 1993 und 2005 in der Bundesliga getreten wurden. Ergebnis: Die Erfolgsquote der nicht gefoulten Schützen betrug 75 Prozent, die der gefoulten Schützen 73 Prozent. Diese Differenz falle in den Bereich der zufälligen Schwankungen und sei nicht auf einen realen Effekt zurückzuführen, resümieren die Forscher und verweisen damit eine alte Fußballweisheit ins Reich der Fiktionen.

Anders liegen die Verhältnisse beim mannschaftlichen Elfmeterschießen, bei dem der Einzelne erfahrungsgemäß stärker gefordert ist, den Gesamterfolg seines Teams zu sichern. In einer jetzt im »British Journal of Psychology« (Bd. 103, S. 268) veröffentlichten Studie hat der norwegische Sportwissenschaftler Geir Jordet zusammen mit zwei niederländischen Kollegen die Elfmeterduelle der Welt- und Europameisterschaften der letzten 30 Jahre ausgewertet. Danach trafen nach einem erfolgreichen Elfmeterschießen 83 Prozent der Schützen auch beim darauffolgenden Duell, während es nach einer Niederlage nur 73 Prozent waren. Noch deutlicher fiel der Unterschied bei einer Serie aus. So stieg die Trefferwahrscheinlichkeit nach zwei und mehr gewonnenen Strafstoßduellen auf fast 90 Prozent und sank nach einer entsprechenden Misserfolgsserie auf 57 Prozent.

Jordet vermutet, dass die vom Trainer ausgewählten Schützen nach einem verlorenen Elfmeterduell die Sache beim nächsten Mal möglichst schnell hinter sich bringen wollen. Und genau darin liegt der Fehler, wie die Daten belegen: Bei Schützen, die am Elfmeterpunkt nach dem Schiedsrichterpfiff nur wenige Zehntelsekunden mit dem Schuss warteten, lag die Trefferquote bei 58 Prozent. Konzentrierten sie sich dagegen mindestens eine Sekunde lang, stieg die Quote auf 77 Prozent.

Und noch etwas stellten die Forscher überrascht fest: Je mehr Stars eine Mannschaft auf dem Platz hatte, desto schlechter schnitt sie beim Elfmeterschießen ab. Offenkundig stehen Spieler, die einen Ruf zu verlieren haben, hierbei unter besonders hinderlichem Erfolgsdruck. Als Beispiele seien die englischen Topkicker Frank Lampard und Steven Gerrard genannt, die bei der Weltmeisterschaft 2006 gegen Portugal als Strafstoßschützen versagten und so die traditionelle Angst der Engländer vor dem Elfmeterschießen zusätzlich verstärkten. Bundestrainer Joachim Löw kann einem möglichen Strafstoßduell bei der laufenden EM also gelassen entgegen sehen. Denn die Zahl der begnadeten Ballkünstler im deutschen Team ist überschaubar.

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