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16.06.2012

Anstoß

Marginalien zur Fußball-EM Heute: Jochen Schmidt

Für einen amerikanischen Präsidenten wäre ich immer noch recht jung, für einen Fußballprofi bin ich inzwischen zu alt. 1994 dachte ich noch, wenn ich jetzt vier Jahre lang jeden Tag zehn Stunden trainiere, schaffe ich es vielleicht bis zur nächsten WM in die Nationalmannschaft, und das, obwohl ich gar nicht in der Bundesliga spielte, dann hätte ich ja sonnabends nicht Fußball gucken können. Inzwischen gibt es nicht einmal mehr einen dritten Ersatztorwart, der älter ist als ich, die ältesten Spieler bei dieser EM sind 36, das war mal das Durchschnittsalter der deutschen Mannschaft.

Die Schiedsrichter, diese profilierungssüchtigen Glatzköpfe, die im Zivilberuf Polizisten oder Lehrer sind, sind genau in meinem Alter, und ich nähere mich sogar schon den ersten Trainern an, irgendwann werden auch die jünger sein als ich. Manche der Trainer kennt man noch als Spieler, aber in der kurzen Zeit, die seit ihrer aktiven Karriere vergangen ist, sind aus ihnen alte Männer geworden. Die meisten Profis trennt ja von einer Alkoholiker-Existenz nur der Tag des Abschieds vom Leistungssport. Während ich äußerlich eher jünger werde, weil ich immer noch dabei bin, die Sünden meiner Jugend wieder gutzumachen. Ich habe mich ja mit Anfang zwanzig immer über Gegenwind und Regen beim Radfahren gefreut, weil ich dachte, davon markante Gesichtszüge zu bekommen.

Nach einer Woche mit je zwei Spielen am Tag bin ich schon ein bisschen mürbe im Kopf. Beim Einschlafen spiele ich immer in Gedanken eine Partie Pong gegen mich selbst, und dabei passiert es jetzt manchmal, dass kleine Männchen sich den weißen Punkt schnappen und ihn hin- und herschießen. Im Spiel Deutschland gegen Holland habe ich mich beim Dösen über einen Spielzug gefreut, bis mir auffiel, dass das ja die Holländer waren. Fast hätten sie wegen mir ein Tor geschossen. Manche Spiele sind so langweilig, dass ich nebenbei im »Kicker«-Sonderheft die Größen der Spieler und ihre Geburtsorte lerne. Es ist sehr unbefriedigend, dass da nicht auch Gewicht, Fitnesswerte und 30-Meter-Zeit stehen. Ronaldo soll ja die 100 Meter in 10,2 Sekunden laufen. Wenn sie nicht Fußball, sondern Fange spielen würden, wäre er der Favorit. Und ich glaube nicht, dass man gegen Ende eines Turniers als Zuschauer überhaupt noch den Unterschied bemerken würde.

Ich wache immer auf, wenn die Reporter wieder einen Namen falsch ausgesprochen haben. ARD und ZDF investieren 10 Millionen Euro in die Übertragung, und sie haben nicht 100 Euro übrig, damit ein Muttersprachler dem Reporter Steffen Simon mal die Aussprache der Namen erklärt? Der kroatische Stürmer heißt nicht »Manntsukitsch«, sondern Mandžukić. Im Russischen gibt es stimmhafte und stimmlose Zischlaute, einer schreibt sich z.B. in der Umschrift »zh« und ein anderer »sch«. Der russische Stürmer heißt nicht »Kerschakow«, sondern »Kerzha-kow« und der Linksverteidiger nicht »Schirkow«, sondern »Zhirkow«, ganz zu schweigen vom Wortakzent. Aber das wird man den Westlern nie beibringen können, für die die kyrillischen Buchstaben Hieroglyphen sind, obwohl man vielleicht eine Stunde bräuchte, sie zu lernen.

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