Von Lucía Tirado
16.06.2012

In die Welt geschleudert

Mit »Candide oder der Optimismus« begann die Amphitheater-Saison

Die Welt ist schlecht. Bosheit, Lug und Trug. Dazu gesellen sich Katastrophen. Eine jagt die andere. Der naive Candide erlebt es - zunächst unerschütterlich in seinem Glauben an das Gute. Am Ende kann er davon durch die Hinwendung zur Arbeit etwas für sich, mehr noch für andere herbeiführen. Was zwischendurch geschieht, ist wahrlich haarsträubend bei der ersten Inszenierung der Saison im Amphitheater.

Mit den Stilmitteln der Commedia dell'arte bringt der Neapolitaner Alberto Fortuzzi (Buch und Regie) »Candide oder der Optimismus« nach Voltaires 1759 erst anonym erschienenen Roman ins Groteske. Er lässt den französischen Philosophen, der 1694 bis 1778 lebte, kurz auferstehen und ihn sein sarkastisches Werk in den Monbijoupark bringen. Christian Schulz spielt diese Rolle mit Tempo und bringt eine Schauspielertruppe mit, die er antreibt, mal fix Requisiten herbeizuschaffen.

Die Ausstattung ist exzellent. Die Kostüme von Isa Mehnert wurden wie die Masken von Edwin Bustamente mit Mut zum Übermut geschaffen. Allein sie zu sehen, lohnt den Theaterbesuch. Was ihn dann zum Erlebnis macht, ist das rasante Spiel. Instrumental begleitet wird es von Oleg Niels und Arnaud Duvoux mit der pointiert eingesetzten Musik von Dante Borsetto.

Einen Moment dauert es aber, sich auf Spielart und Sprache bei diesem alten Werk einzustellen. Auch die Kulisse scheint sich zunächst ein wenig zu sperren. Dann ist man gefangen, nimmt mit Vergnügen die gezielten Überhöhungen wahr, mit denen Regisseur Fortuzzi Voltaires Spott folgt gegen die philosophische These, dass unsere Welt »die beste aller möglichen Welten« sei.

Bei der Berliner Premiere - das neue Stück wurde schon zur Wiedereröffnung des Heckentheaters im Park Sanssouci und am Schloss Schwante gezeigt - mussten sich die Zuschauer wie die Mitwirkenden auf eine Änderung einstellen. Als Candide blieb Thorbjörn Björnsson auf einem Stuhl sitzen. Der Schauspieler war in Schwante gestürzt. Seine nun an einem Platz ausharrende Position wertete das Stück nicht gerade auf, war aber akzeptabel. Candide bewegt sich letztlich im übertragenen Sinne auch nicht. So kann man es sehen - solange wie nötig.

Die Nase ist ein Zeigefinger beim Philosophen Magister Pangloss, dessen Lehre Candide regelrecht aufsaugt. Pangloss, auf seine eigene Art gedanklich eingeschränkt, wird zur Karikatur der den Philosophen Leibnitz umgebenden, seinen Theorien folgenden Denker. Michael Schwager weiß diese Rolle vortrefflich mit Eitelkeit zu erfüllen. Im Park des Barons von Donnerstrunkhausen, den Thorsten Junge satt, über eigene Witze lachend gibt, lässt es sich eben gut Weisheiten proklamieren. Nur lieben lässt es sich für Candide dort nicht. Er wird mit des Barons Tochter Cunegonde erwischt und aus dem Paradies vertrieben.

Damit beginnt seine Odyssee. Auf der Suche nach der inzwischen verschleppten Liebsten wird er durch die Welt geschleudert. Wie Sara Löffler, die als Cunegonde als Schönheit beginnt und hässlich endet, spielen auch die beherzte wie wendige Ina Gercke außer Candides Gefährten Kakambo oder Anja Pahl außer der schauderhaft komischen Alten noch viele andere Rollen auf Candides Reise. Wunderbar gelöst ist von Fortuzzi die Darstellung von Martino, dem traurigsten Menschen der Welt, mit Christoph Bernhard.

Das Stück war eine Attacke auf ausgerufene Werte. Voltaire hielt sich auch mit seiner Meinung zu Glaube und Aberglaube nicht zurück. In »Candide« bekommt der Papst seinen Hieb ab. Voltaires Werk allerdings wurde auch durch die Zeiten sprachlich verprügelt. Sein Landsmann Baudelaire soll ihn als Fürsten des Oberflächlichen bezeichnet haben. Der deutsche Literaturhistoriker Schlegel schließlich zählte ihn zu jenen Schriftstellern, die es so darstellten, als stünde die sinnliche Leidenschaft im Mittelpunkt menschlichen Handelns und jeder Gedanke schweife dorthin. Na, das lassen Sie sich mal vorführen.

Di.-Sa. 19.30 Uhr, Amphitheater, Monbijoustr. 1, Mitte, Tel.: 288 86 69 99, www.amphitheater-berlin.de