Von Elisabeth Schlammerl, Gdansk
20.06.2012

Strategen ohne Plan

Erleichterung beim Titelverteidiger: Spanien nach 1:0 gegen Kroatien im Viertelfinale - Duell mit DFB-Elf erst im Finale möglich

Als die Partie längst vorbei war, erlebten die Spanier einen großen Schreckmoment. Über Gdansk hatte sich in den letzten Stunden ein Gewitter zusammengebraut und nun entladen. Auf die Betondecke, unter der der Mannschaftsbus des Titelverteidigers am Montag kurz vor Mitternacht mit laufendem Motor auf die letzten Spieler wartete, prasselte heftiger Regen. Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Krach, ganz in der Nähe schlug ein Blitz ein.

Es war die letzte Aufregung für Spanien an diesem Abend, der nur deshalb ein halbwegs gelungener war, weil die Mannschaft sich mit einem späten Erfolg gegen Kroatien als Erster der Gruppe C das Viertelfinale erreichte, allerdings ohne die gewohnte Souveränität. »Wir hatten ein paar knifflige Situationen«, gab Trainer Vicente del Bosque nach dem 1:0 zu. Die kniffligste war die, als Ivan Rakitic nach einer Stunde ein paar Meter vor dem Tor frei zum Kopfball kam. Aber Spaniens Schlussmann Iker Casillas parierte und vereitelte damit die größte Chance für Kroatien. »Ich hätte Casillas in den Arsch treten und mich ohrfeigen können«, fluchte der verhinderte Torschütze später.

Bundestrainer Joachim Löw musste auf der Tribüne nicht bange werden vor diesen Spaniern. Die der Rangliste nach beste Mannschaft der Welt, die die DFB-Elf bei den vergangenen beiden Turnieren gestoppt hatte, schien bezwingbar. Bei dieser EM haben sie bisher - trotz des hohen Sieges gegen schwache Iren in der zweiten Vorrundenpartie - lange nicht so unwiderstehlich, so schnell, so perfekt gespielt wie bei der EM 2008 und der WM 2010. »Ich sehe sie nicht als Favoriten, vielleicht haben andere Teams mehr Tempo und Hunger«, sagte deshalb Kroatiens Trainer Slaven Bilic.

Er hat mit seiner Mannschaft vorgemacht, wie die Spanier zu knacken sein könnten. »Neutralisieren«, sagte Bilic an seinem letzten Arbeitstag als Nationaltrainer seines Heimatlandes, wollten sie das Kombinationsspiel des Gegners im Mittelfeld, und das ist den Kroaten ganz gut gelungen. Die Strategen Andres Iniesta und Xavi wussten oft nicht, wohin sie den Ball spielen sollten, so wenig Platz ließ ihnen der glänzend organisierte Gegner. Kapitän Casillas sprach von einem »verkrampften Spiel«, del Bosque fehlte bei seinem Team »die Genauigkeit und die Intensität«.

Je länger die Partie dauerte, desto weniger konnten sich die Kroaten nur aufs Zerstören konzentrieren, denn zum Weiterkommen hätten sie selbst ein Tor schießen müssen. Sie schafften in der zweiten Halbzeit auch den Spagat, das Spiel zu öffnen, anzugreifen und trotzdem Spanien einzuschnüren - jedenfalls bis zur 88. Minute, als der eingewechselte Jesus Navas zum 1:0 traf und damit verhinderte, dass seine Mannschaft sich nur als Gruppenzweiter fürs Viertelfinale qualifiziert.

Besonders verlockend am Gruppensieg ist für die Spanier ganz sicher nicht die nun bevorstehende Reise nach Donezk, in die hinterste Ecke der Ukraine, sondern, dass sie nun erst im Finale auf die deutsche Mannschaft treffen können. Die DFB-Elf scheint del Bosque die schwierigste Hürde auf dem Weg zur historischen Titelverteidigung. »Die Deutschen haben neun Punkte gemacht, wir sieben. Es ist ein Kampf«, sagte er. Aber Partien wie die am Montag gegen die unangenehmen Kroaten sind für den stets gelassenen Spanier mit dem dichten Schnauzbart auch Meilensteine. »Wenn du nicht dein bestes Spiel zeigst und trotzdem gewinnst, dann gibt dir das viel Selbstvertrauen«, sagt er.

Download: Spielplan und Ergebnisse

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