21.06.2012

Anstoß

Marginalien zur Fußball-EM Heute: JOCHEN SCHMIDT

Wenn ich für die deutsche Autorennationalmannschaft spiele, ärgere ich mich manchmal über Tore, die auf die falsche Art fallen, weil solche Schein-Erfolge den taktischen Lernprozess behindern. Ein Spieler ist falsch gelaufen oder hat den richtigen Pass nicht gespielt, aber durch das Tor gerät das aus dem Blickfeld. In Wirklichkeit gibt es natürlich keine logische Art, Tore zu schießen, sondern nur Fehler des Gegners. Ein Fehler kann es sein, selbst ein Tor schießen zu wollen; die Griechen vermeiden das sehr geschickt.

Meine Haltung erinnert mich an Karl Ludwig von Pfuel, einen preußischen Offizier in russischen Diensten, der uns in Tolstois »Krieg und Frieden« begegnet: »In seiner Vorliebe für die Theorie hasste er jede Praxis und wollte nichts von ihr wissen. Er konnte sich sogar über einen Misserfolg freuen, denn da der Misserfolg ja nur daher rührte, dass man sich in der Praxis nicht streng genug an seine Theorie gehalten hatte, so war auch er nur ein Beweis für die Richtigkeit seiner Theorie.« So geht es mir manchmal: Wertvoller als ein Tor, das uns letztlich zurückwirft, ist ein Gegentor, das allen die Augen öffnet.

Was mich als Spieler nervt, danach sehne ich mich als Zuschauer: Soziopathen wie Balotelli oder Ibrahimović. Die deutsche Mannschaft spielt so diszipliniert, dass es mich nicht berührt. Es ist auch quälend, lesen zu müssen, wie diplomatisch sich die Wechselspieler winden, nicht zuzugeben, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen. »Ich bin stinksauer, aber ich freue mich total für die anderen.«

Es gibt bei den Deutschen keinen, der richtig tätowiert ist, also so, dass es ihm später einmal peinlich sein wird. Kein Friedhof auf dem Rücken, wie bei dem Dänen Agger, keine Spielkarten auf dem Bauch, wie bei Ibrahimović. Tätowierungen sind ja oft auf Latein verfasst, vielleicht, weil das Marmorhafte des Körpers betont werden soll. Benutzen die Griechen auch Latein? Ich hätte auch gerne ein Tattoo, aber ich könnte mich nie für ein Motiv entscheiden. Meine Haut wäre wie meine alte Tischtenniskelle, ein mit Bandnamen beschriebenes Monument früherer Verirrungen.

Die Russen sind mir näher, schon bei der letzten WM haben sie Holland abgeschossen und danach keine Lust mehr gehabt. Manche führten das auf die nachlassende Wirkung ihres Dopings zurück. Ich denke eher, es hat mit Heimweh zu tun. Viele russische Spieler haben mal im Ausland gespielt und sich dort nicht durchgesetzt, sie hatten eben Heimweh. Wochenlange Turnier-Vorbereitung und anschließend vier Wochen Turnier, das halten nur die Deutschen aus, die ja auch ständig in den Urlaub fahren, weil sie ihre eigenen Dörfer und Städte in 60 Jahren Frieden in sterile Logistik-Zonen verwandelt haben. Die Angst, dahin zurück zu müssen, treibt sie ins Finale. Dass ihnen die von ihren Beratern gecasteten Blondinen, mit denen sie in Städten wie Leverkusen oder Dortmund zusammenleben müssen, inzwischen nachreisen dürfen, kann eigentlich nicht gut für die Leistung sein.