Von Jirka Grahl, Kiew
21.06.2012

Die Party ist vorbei

Nach dem Aus der Ukraine mischen sich im Land Trauer, Wut und Ernüchterung

Katerstimmung auf dem Kreschtschatyk: Noch hängen die gelben Ukraina-Shirts mit der blauen Borte an jedem Kiosk des Kiewer Prachtboulevards. Die gefälschten Trikots sind unter der unerbittlich brennenden Sonne auch gestern noch ein Verkaufsrenner - neben Eiscreme, Schaschlik und Kwas. Doch so mancher Passant kann am Tag nach dem Ausscheiden seine Enttäuschung nicht verbergen: »Eine Gemeinheit ist das, was die mit uns gemacht haben«, sagt Dimitri Mamtschur, ein Tourist aus der Stadt Uschgorod in der Westukraine, und seine Frau Irina pflichtet ihm bei: »Diebstahl ist das. Nicht nur ein Tor ist uns weggenommen worden.« Die Mamtschurs sind zu Besuch bei der Schwester von Irina: »Wir sehen uns nur einmal im Jahr.«

In Familie haben sie gestern hier auf der Fanmeile mit 60 000 Anhängern das Spiel der Ukrainer gegen England angeschaut und den Moment miterlebt, über den sich die Fußballfans in ganz Europa heute erregen. Noch genau vor Augen hat der 53-Jährige Dimitri diese 63. Minute, in der Englands Abwehrchef John Terry einen Schuss des Ukrainers Marko Devic erst hinter der Linie klären konnte. Und wie die Schiedsrichter um Viktor Kassai (Ungarn) entschieden: Kein Tor. Weiterhin 1:0 für England, ein glücklicher Kopfball von Wayne Rooney in der 48. Minute, so blieb es bis zum Schluss. »Die Ukraine ist ausgeschieden, obwohl sie doch die bessere Mannschaft war!«, Dimitri Mamtschur schüttelt den Kopf.

Wie viel wohl von der Euphorie erhalten bleibt, die in der Ukraine entfacht worden war, nachdem die Fußballer von Trainer Oleg Blochin zum Auftaktsieg gegen Schweden mit 2:1 gewonnen hatten? Auf dem Kreschtschatyk, der in diesen Tagen bis zu 70 000 Zuschauern Platz zum Fußballgucken bietet, war gestern schon wieder die sommerliche Normalität eingekehrt. Kaum noch biertrinkende Schweden wie in den Tagen zuvor.

Gähnende Leere auch an den weißen Zelten der Julia-Timoschenko-Anhänger, die hier unter flatternden Ukraine-Fahnen für die Freilassung der verurteilten Ex-Regierungschefin protestieren: Ihre Transparente verraten, dass ein Mindestmaß an Meinungsfreiheit auch unter Präsident Viktor Janukowitsch möglich ist. »Freiheit für Julia! Janukowitsch ins Gefängnis!« Doch die Aktivisten sind so ziemlich unter sich: Unter einem Sonnenschirm sitzen vier Babuschkas und falten Protestzeitungen, die gerade aus der Druckerei gekommen sind. Mit einem zahnlosen Lächeln zeigt eine von ihnen auf ein Foto, dass eine Frau mit Timoschenko-Haarkranz zeigt: »Bitte sehen Sie, eine schwedische Journalistin, die Julia unterstützt!« Wer nicht schnell genug weg ist, hält einen Timoschenko-Aufkleber in der Hand. »Nun nehmen sie schon, bitte!« Am 25. Juni beginnt der zweite Prozess gegen die Politikerin.

Am Zeitungsstand liegt die Nachtausgabe der Zeitung »Sewodnja«, der ungarische Schiedsrichter ist darauf zu sehen, darunter die Schlagzeile: »Blind, oder?« Fünf Schiedsrichter und doch so ein Patzer! Auch in Donezk haderte so mancher mit dem Referee aus Ungarn, die ewigen Diskussionen um den Torschiedsrichter ist neu entbrannt. Trainer Oleg Blochin blendete nach dem Spiel aus, dass seiner Mannschaft auch ein Unentschieden nicht zum Weiterkommen gereicht hätte. Einem Journalisten, der ihm in seltener Feinfühligkeit mangelnde Fitness der Spieler vorwarf, drohte Blochin Konsequenzen an: »Wenn du ein Mann bist, geh mit mir und wir haben eine Unterhaltung unter Männern.«

Gleichzeitig erklärte Andrej Schewtschenko mit 35 Jahren seinen Rücktritt: »Es war eine fantastische Unterstützung. Ich möchte mich bei allen Menschen in Donezk und der ganzen Ukraine bedanken. Dieses Team hat eine strahlende Zukunft.«

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