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Von Sabine Neubert
21.06.2012
Literatur

Das Ende der Unschuld

Marente de Moor: »Die niederländische Jungfrau« - sinnlich und mitunter fast surreal

Der Text steckt leider voller banaler Bilder und Klischees. So kann man leicht überlesen, dass es eigentlich ein gutes Buch ist. Ein bisschen eitel hat die Autorin den Roman mit zu viel historischen Details und Kenntnissen über Fechtkunst besetzt, ihn mit geheimnisvollen Zimmern, Truhen und knarrenden Dielen in einem alten (natürlich typisch-deutschen) Gutshaus und mit fast obsessivem, heftigem Sex zwischen einem älteren, faszinierenden Mann und einer naiven, hübschen Jungfrau überfrachtet. »Eigentlich war ich viel zu jung, um zu wissen, was ich in den vergangenen Wochen erfahren hatte: Kriege, blutige Duelle, Geister, Totenköpfe, Geschlechtsverkehr ... Ich, das gehäutete Wild ...« Oder: »Mein eingepacktes Möschen, das zwischen seinen Fingern wartete ...« Und immer ziehen zur richtigen Zeit Gewitter auf. Aber es gibt auch vieles, das dem Roman größere Dimension verleiht.

Wir werden ins Jahr der Olympiade 1936 versetzt. Janna, die junge Tochter des Arztes Jacq aus Maastricht, möchte ihre Fechtkünste vervollkommnen und fährt zu einem deutschen Fechtmeister auf dessen Landgut Raeren nahe Aachen. Es stellt sich heraus, dass Egon von Bötticher und Jannas Vater früher einmal, während des Ersten Weltkrieges, befreundet waren, Jacq, der Rot-Kreuz-Arzt, und Egon, der heißspornige, verwundete Leibhusar. Aber es war zum Zerwürfnis gekommen. Die Entzweiung ist seitdem von Geheimnissen umgeben. Dabei spielen Briefe eine Rolle, die nie abgeschickt wurden.

Auf Raeren begegnet Janna in Egon einem »schönen« Mann, wenig jünger als ihr Vater, mit einem »hässlichen«, kriegsverunstalteten Gesicht. Der frühere Offizier lebt auf seinem Gut ziemlich einsam, nur zusammen mit einem Hausangestellten-Paar und seinen Tieren. Er erteilt zwei blutjungen Zwillingen Fechtunterricht und veranstaltet im alten Ballsaal Mensuren für Studenten schlagender Verbindungen. Es kommt, wie es kommen muss: Janna ist fasziniert und landet im Bett des Gutsherrn. Während sie einem harten Fechttraining unterzogen wird, spioniert sie insgeheim den Briefen im Schlafzimmer des Meisters nach.

Es gibt noch mehr Verstrickungen, etwa die zwischen Egon und der Mutter der Zwillinge. Friedrich und Siegbert sind geradezu die Verkörperung aufreizender, verspielter Schönheit und unauflösbarer Zweisamkeit. Sie gleichen den Hälften einer Kugel. Unter den Studenten und vom Personal sind schon erste Nazi-Parolen zu hören. Einmal verschwindet von Bötticher für ein paar Tage, und als er wiederkommt, entrümpelt er das alte Gutshaus gründlich. Aber es ist zu spät, um mit einem Neuanfang kommendes Unheil zu verhindern.

Wir lesen den Roman als ein Buch über die Verletzbarkeit, noch besser: über die Illusion der Unverletzbarkeit des Menschen. Auch das Fechten ist eben gerade keine »Wissenschaft des Nichtgetroffenwerdens«, wie es einmal heißt. Hinter Masken und Bandagen verbergen sich die Gesichter, doch die Fechtenden sind nicht geschützt. Janna flieht, zur Frau gereift und innerlich versehrt, nach Maastricht zurück. Einmal, ziemlich am Schluss, läuft sie, nackt und nur in ein Laken eingewickelt, voller Entsetzen durch das alte Haus. Damit gelingt der Autorin ein surreales oder sogar surrealistisches Bild.

Marente de Moor: Die niederländische Jungfrau. Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag. 337 S.,geb., 22,90 €.

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